Im Kreis der Sieben Teil 1

Christin Burger

Kapitel: Die Hand  | Ayse  | Der Stick

Die Hand

 

»So ein Chaos!«

Lara hörte Peters Stimme wie durch Watte. Aus den Augenwinkeln heraus konnte sie erkennen, wie die Hände ihres Vaters wild durch die Luft sausten. Nur knapp vorbei an der Mütze des Friedhofsgärtners, auf der die Aufschrift Mister Garden stand. Dasselbe stand auch auf dem ehemals weißen, von braunen Flecken übersäten T-Shirt, das sich über den erstaunlich runden Bauch des kleinen Mannes spannte. Dem armen Kerl trat der Schweiß an diesem ohnehin schon viel zu heißen Sommertag auf die Stirn. Er war dem Zorn ihres Vaters nicht gewachsen.

Doch Lara kümmerte sich nicht um Peters wachsende Wut. Ihr Blick ruhte auf der Granitsteinplatte.

 

Maja Feingeist

25.07.1976 – 14.06.2003

Nichts ist für immer

Nicht einmal der Tod

 

Die Steinplatte war eingerahmt von Bambus, den ihr Vater neben das Grab gepflanzt hatte. Es war die Lieblingspflanze ihrer Mutter gewesen. Eines der wenigen Dinge, die Lara über sie wusste.

Während der Gärtner hilflos Worte wie Katzenplage und Fuchsbauten von sich gab, wanderte Laras Blick auf das, was vor ihr in der aufgewühlten Erde lag.

»So ein Chaos«, tönte die Stimme ihres Vaters erneut, die erstaunlich hoch und leicht verzerrt klang. Sein Körper war geduckt. Als wäre der eher kleine Mann noch weiter geschrumpft.

Mit ihren sechzehn Jahren war Lara fast genauso groß wie er, und ihre Augen besaßen das gleiche Blau wie seine. Das war aber auch schon alles. Ihre schmale Figur, die blonden Haare, die Laras ganzer Stolz waren und die sie seit acht Jahren nicht geschnitten hatte, ihr Lachen, all das hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Zumindest glaubte sie das. Denn das Einzige, was sie mit Gewissheit über ihre Mutter sagen konnte, war, dass sie bei einem Autounfall gestorben war, als Lara vier Jahre alt gewesen war.

Peter musste sich erschöpft auf die Bank mit dem Schildchen »Gestiftet von Hanno, für seine Elise« setzen. Er tupfte sich mit einem Taschentuch die gerunzelte Stirn ab und starrte auf die aufgewühlte Erde um ihn herum. Der Gärtner nutzte das kurze Verstummen, um sich und die Friedhofsverwaltung zu verteidigen.

»Schuld sind die Eichhörnchen. Die wirken so nett und unschuldig. Also füttern die Alten sie. Die Eichhörnchen vergraben die Hälfte von dem Zeug und vergessen es dann. Das, was sie vergessen, fressen die Ratten. Es wurden zu viele. Also haben wir die Katzen geholt. Und mit den Katzen kamen die Füchse.«

Nun, da Mister Garden die halbe Nahrungskette abgehandelt hatte, begriff Lara, was da im Dreck vor ihr lag. Die Füchse, die laut der Presse schon seit Langem ihr Futter in der Stadt suchten, weil ihr Lebensraum auf dem Land zunehmend eingeschränkt wurde, hatten den halben Friedhof umgegraben, nachdem er sich als perfekter Wohnort herausgestellt hatte. Wo ließen sich die Jungen besser zur Welt bringen als in den ganzen Hohlräumen, die in der Erde versteckt lagen? Die Füchse hatten sich in den Särgen häuslich niedergelassen. Und alles nach oben befördert, was ihrer Meinung nach nicht hineingehörte.

Als Lara die Hand neben die fast gänzlich verwesten Überreste der Hand ihrer Mutter legte, erkannte sie mit einem Schaudern, dass sie auch Majas lange Finger geerbt hatte.

 

»Lara!« Peter war aufgesprungen und zu ihr geeilt. »Was machst du denn da?« Er zog sie nach oben.

Laras Blick wanderte von den Knochen ihrer Mutter zu dem Gesicht ihres Vaters. Der sonst eher blasse Mann hatte bedenkliche rote Flecken im Gesicht. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke, und sie wusste nicht, ob ihr die wahllos herumliegenden Knochen oder der Ausdruck in seinen Augen mehr Angst machten.

»Sie müssen sich das nicht antun«, betonte Mister Garden hinter ihnen. »Wir räumen das weg. Wenn Sie das nächste Mal hier sind, haben wir das wieder in Ordnung gebracht.«

Das nächste Mal bedeutete: in einem Jahr. Der Friedhof lag etwas außerhalb von Berlin, und Peter begleitete Lara nur ein einziges Mal im Jahr an das Grab ihrer Mutter. An deren Geburtstag. Den Todestag ignorierte er.

Jedes Jahr hoffte Lara, ihm mehr über ihre Mutter entlocken zu können. Hatte sie viel gelacht? Welche Musik hatte sie gehört? Mochte sie lieber den Sommer oder den Winter? Und natürlich die Frage, die Lara niemals laut gestellt hätte: Hatte sie Lara geliebt?

Sie spürte Übelkeit in sich aufsteigen und wich einen Schritt vom Grab zurück. Nichts wünschte sie sich im Moment mehr, als dass ihr Vater sie von diesem Ort fortbringen würde.

Stattdessen beugte er sich langsam zu den sterblichen Überresten seiner Frau. Einzig das Skelett ihrer Hand war noch im Ganzen erhalten. Etwas schimmerte golden im Dreck. Peters Hände zitterten, als er vorsichtig den Ehering aufnahm und einsteckte.

Danach stand er wieder auf und blickte an Lara vorbei ins Leere. Das Entsetzen wich aus seinen Augen. Wilde Entschlossenheit machte sich breit. Ein Ausdruck, den Lara in dieser Intensität noch nie bei ihrem Vater gesehen hatte.

»Papa ... Was ist?«, fragte sie leise.

Er wandte sich ab. »Wir gehen.«

Aber sie wollte ihre Mutter, oder was von ihr übrig war, nicht einfach so zurücklassen.

»Was passiert jetzt mit ihr?«, fragte sie Mister Garden, der ihrem Vater sichtlich erleichtert hinterherblickte, als dieser mit schnellen Schritten davonstapfte.

»Wir kümmern uns um alles«, betonte er noch einmal, ehe er selbst eilig davon ging.

Lara wollte ihrem Vater schon folgen, als ihr Blick abgelenkt wurde. Zwischen den Bambusstäben tauchte ein runder, mit struppigem Fell versehener Ball auf. Der Kopf einer Katze.

Es war die hässlichste Katze, die Lara jemals gesehen hatte. Sie war so dick, dass ihr Kopf viel zu klein für den Körper schien. Trotzdem zwängte sie ihren breiten Körper durch die Bambusstäbe.

Das Fell stand verfilzt in alle Richtungen ab und war so schmutzig, dass man das Braun und Weiß nur erahnen konnte. Das rechte Ohr war zerfetzt. Dennoch konnte Lara den Blick nicht abwenden. Es lag an den Augen des Tiers. Ihr fiel keine Farbe ein, mit der sie diese Augen hätte beschreiben können. Sie erinnerten Lara an den Sonnenuntergang, den man sehen konnte, wenn man am Abend auf dem Kreuzberg stand.

Während sie der Katze in die Augen sah, hatte sie für einen kurzen Moment das Gefühl, als würde sie Einblick in eine Welt erhalten, die sie kannte – und einfach nur vergessen hatte.

Lara betrachtete das Tier genauer, das sich nun in Bewegung setzte. Beim Umfang dieser Katze sah das aus, als würde ein verfilzter Ball behäbig auf Lara zurollen. Die Katze schnüffelte kurz an den Knochen und lief dann schnurrend um Laras Beine herum. Lara zögerte, ehe sie sich hinunterbeugte, um das Tier zu streicheln. Sie wollte gerade die Hand in dem dichten, verfilzten Fell versenken, als die Katze ihr geschickt auswich. Lara versuchte es erneut. Und wieder wich das Tier ihrer Berührung aus, strich jedoch schnurrend um ihre Beine herum. Als Lara den vor Schnurren vibrierenden Körper spürte, der sie augenblicklich in einen Zustand der Entspannung versetzte, kam ihr der Anblick der Knochen nicht mehr ganz so schrecklich vor.

Sie blickte der Katze in die Augen.

»Na, wer bist du denn?«

Die Katze quittierte diese Frage mit einem quietschenden Laut, der wohl ein Miauen sein sollte, aber mehr wie eine alte Fahrradbremse klang.

Plötzlich fühlte sich Lara von den Augen der Katze wie magisch angezogen. Irgendetwas war darin zu erkennen. Sie trat näher, und die Katze erwiderte ruhig ihren Blick.

Ein Überraschungslaut entfuhr ihr, als sie das Gefühl hatte, in die Augen der Katze gezogen zu werden. Mit einem Schlag war der Friedhof verschwunden. Lara schwebte in absoluter Dunkelheit. Schwerelos.

Aber sie hatte keine Angst. Ganz langsam wurde es heller, und sie nahm die Umrisse von Personen wahr, die um sie herum waren. Lara zählte sechs Menschen. Mit ihr waren es sieben. Sie hielten sich an den Händen und bildeten einen Kreis. Lara konnte die Gesichter der anderen nicht erkennen. Es kam ihr vor, als würden sie Masken tragen. Und obwohl sie nicht wusste, wer sie waren, empfand sie eine unendliche Liebe für sie. Eine tiefe Verbundenheit, die über alles hinausging, was Lara je gefühlt hatte. Sie lachte vor Glück.

Da entdeckte sie, dass sich in der Mitte des Kreises etwas bildete. Eine kleine, sich um sich selbst drehende Kugel in der Größe eines Tennisballs. Schneller und schneller drehte sie sich und wurde dabei immer größer. Lara starrte wie gebannt darauf. Tief in sich wusste sie, was für ein Glück es war, dass diese kleine Kugel existierte. Auch wenn sie in diesem Moment nicht hätte sagen können, was es damit auf sich hatte.

Doch mit einem Mal wurde der Kreis durchbrochen. Eine Gestalt riss zwei der sieben Personen auseinander. Sie flog auf die Kugel zu und nahm sie in die Hand.

Lara spürte einen tiefen Schmerz in ihrem Inneren. Sie schrie auf.

 

Und fand sich auf dem Boden neben dem Grab ihrer Mutter wieder. Fassungslos versuchte sie zu atmen.

Was war gerade passiert?!

Sie starrte auf die dicke Katze, die sich ungerührt ihre Pfoten putzte.

»Was war das?«

Lara kroch an das Tier heran. Sie wollte ihm erneut in die Augen schauen. Noch einmal sehen, was sie gerade gesehen hatte. Noch einmal fühlen, was sie gefühlt hatte.

Aber als sie nach der Katze greifen wollte, sprang diese ins Gebüsch und verschwand.

Wie betäubt blieb Lara zurück. Hatte sie sich getäuscht? Hatte sie halluziniert? Es hatte sich so verdammt echt angefühlt. Als wäre sie selbst dort gewesen. In diesem grenzenlosen Raum. Mit den gesichtslosen Menschen und der plötzlichen Bedrohung. Aber je mehr Lara versuchte, sich an die Szene zu erinnern, desto mehr hatte sie das Gefühl, sich das alles nur eingebildet zu haben. Die Erinnerung verblasste wie ein Traum.

 

 

Ayse

 

Lara folgte Peter zu dem dreistöckigen Haus am Maybachufer, in dessen Dachwohnung sie lebten. Sie war noch immer völlig durcheinander. Ihr Vater hatte die ganze Fahrt zurück nach Neukölln kein Wort gesagt. Er war ohnehin nicht der gesprächige Typ. Schon gar nicht, wenn es um ihre Mutter ging. Lara war daran gewöhnt. Aber irgendetwas an seinem Schweigen versetzte sie an diesem Tag in größte Unruhe. Sie konnte nur nicht festmachen, woran das lag. Für einen Moment hatte sie überlegt, ihm von ihrem seltsamen Erlebnis mit der Katze zu erzählen. Doch nun, nachdem etwas Zeit vergangen war, kam ihr diese Vision oder was auch immer es gewesen war, töricht und albern vor. Sie konnte selbst kaum noch glauben, dass sie das wirklich gesehen hatte. Deshalb verlor sie darüber kein Wort. Es war ihr peinlich, und ihr Vater war auch nicht der Typ, dem sie sich mit ihren Gefühlen anvertraute. Da Peter so gut wie nie Anteilnahme zeigte oder Lara ansatzweise zu verstehen gab, dass er ihre Gedanken nachvollziehen konnte, hatte sie sich von klein auf angewöhnt, diese Dinge für sich zu behalten. Dabei wusste sie, dass ihr Vater sie liebte. Er war nur schlecht darin, seine Gefühle in Worte zu fassen.

Doch ausgerechnet jetzt wünschte sie sich, dass er mit ihr reden würde. Dass er Worte für das finden würde, was sie eben auf dem Friedhof erlebt hatten. Denn sie selbst konnte keine Worte finden. Noch immer war ihr flau im Magen. Sie konnte die herumliegenden Knochen einfach nicht vergessen. Diese einzelnen Teile waren einmal Maja gewesen. Eine Frau, von der Lara nicht einmal ein Foto besaß.

Ohne Mutter aufzuwachsen, war ihre Realität gewesen. Aber durch das Ereignis auf dem Friedhof hatte sie zum ersten Mal begriffen, dass sie einmal eine Mutter gehabt hatte. Ein Mensch, so lebendig wie Lara selbst. Eine Frau mit Gefühlen, mit Wünschen und Gedanken, die Lara nie kennengelernt hatte. Sie wollte endlich Antworten. Mehr über Majas Tod erfahren. Und mehr über ihr Leben.

Aber sobald Peter die schwere Eichentür des Wohnhauses aufgeschlossen hatte, war er auch schon im Eingang zum Keller verschwunden.

Lara spürte Hilflosigkeit in sich aufsteigen. Vielleicht lag es ja an ihr. Warum fand sie einfach nicht die richtigen Worte, um ihren Vater zu erreichen? Sein Zustand machte ihr Sorgen. Aber sie wusste nicht, wie sie ihm helfen konnte. Sie fühlte sich wie gelähmt.

Ging es um die Computerspiele, die Peter erfand, war ihr Vater in seinem Redefluss nicht zu bremsen. Lara selbst war nicht besonders scharf auf all die Games, die von seinem Arbeitstisch in die Spielkonsolen etlicher Jugendlicher wanderten. Doch seine Augen leuchteten, wenn er von den neuesten Ideen erzählte. Ein Leuchten, das wie eine warme Dusche nach einem kalten Wintertag war. Um es so lange wie möglich zu erhalten, löcherte Lara ihren Vater stets mit weiteren Fragen und war auf diese Weise unfreiwillig Profi in Sachen Games geworden.

Zusätzlich arbeitete ihr Vater an einem zweiten Projekt, über das er nie ein Wort verlor. Ein Computerprogramm, an dem er schon arbeitete, seit Lara denken konnte. Nur sein engster und einziger Freund Konrad war in das Projekt involviert. Von ihm wusste Lara überhaupt, dass es dieses Programm gab – oder irgendwann einmal geben würde, wenn es denn jemals fertig wurde. Laras Patenonkel war neben Peter der Einzige, der das kleine Büro im Keller des Hauses betreten durfte. Für Lara eine absolute Tabuzone. Konrad war genau wie Peter Programmierer. Die beiden hatten schon vor Laras Geburt zusammengearbeitet. Sie hatte oft versucht, durch Konrad etwas über das geheimnisvolle Computerprogramm herauszufinden. Mit ihm konnte sie reden. Er hörte ihr gern zu und hatte zu allem einen Kommentar. Konrad besaß die Gabe, die Sorgen und Gedanken anderer weniger dramatisch erscheinen zu lassen, wenn er sie mit einer ironischen Bemerkung hinwegfegte. Er konnte sogar Peter zum Lachen bringen, und Lara war immer froh, wenn er nach einem langen Arbeitstag im Keller noch zum Essen blieb. Sie hatte das Gefühl, dass Konrad ihrem Vater gut tat. Und wenn sie ehrlich war, tat er ihr auch gut.

Ging es jedoch um das mysteriöse Computerprogramm, hüllte sich auch Konrad in Schweigen. Je weniger Lara wusste, desto besser, fand er. Aber wann immer die beiden einen Schritt weitergekommen waren, erklärte ihr Vater Lara, dass alles wieder gut werden würde, wenn es erst einmal so weit war.

Deshalb war dies das einzige Programm, auf dessen Fertigstellung sie genauso sehnsüchtig wartete wie die anderen Gamer auf ein neues Ego-Shooter-Spiel.

Doch auch an diesem Tag war nichts gut geworden.

 

»So ein Chaos!«

Lara wurde aus den Gedanken gerissen, als der wuchtige Körper von Frau Meier die Treppen heruntergepoltert kam. Frau Meier war die Hausverwalterin. Und die dickste Frau, die Lara kannte.

»Ein Problem mit den Drüsen«, behauptete sie immer.

Lara hingegen hegte den Verdacht, dass die zahlreichen Muffins der Grund für ihr gewaltiges Übergewicht waren. Überall im Haus hielt sich Frau Meier einen Vorrat. Erst die Woche zuvor hatten Lara und Ayse einen verschimmelten Muffin im Sicherungskasten gefunden.

Der Blick aus den kleinen, schwarzen Augen von Frau Meier war auf den Boden gerichtet. Eine dünne Dreckspur bahnte sich ihren Weg von Lara zur Kellertür. Peter und sie hatten die Friedhofserde bis nach Hause geschleppt. Sehr zu Frau Meiers Missfallen. Sie nahm den Besen, mit dem sie gerade das Treppenhaus gefegt hatte, und scheuchte Lara damit zurück zum Hauseingang.

»Bin ich oben fertig, kann ich unten wieder von vorn anfangen!«

Lara seufzte und zog sich die Schuhe aus. Den Vortrag kannte sie schon auswendig. Sie mochte Frau Meier, denn sie würde die Bewohner des Hauses notfalls mit ihrem Besen verteidigen. Allerdings konnte man sich nie sicher sein, wann das Haushaltsgerät, das in ihren Händen zu einer gefährlichen Waffe mutierte, gegen einen selbst erhoben wurde.

Es hatte eine Zeit gegeben, noch bevor Lara mit ihren Eltern in diesem Haus gelebt hatte, in der Frau Meier unerwartet zu Reichtum gekommen war. Einen Moment lang hatten die Bewohner befürchten müssen, sie würde ihre Tätigkeit als Hauswirtin aufgeben. Zu ihrem Glück hatte sie das Geld jedoch verspielt und fegte nun wieder seit Jahren das Treppenhaus.

Aber wenn Lara sie trotz ihrer Berliner Kaltschnäuzigkeit mochte, so brauchte sie in diesem Moment doch einen anderen Menschen.

Während Frau Meier also über Sauberkeit, den ewig anhaltenden, muffigen Gestank im Erdgeschoss, dessen Quelle nicht auszumachen war, und den mangelnden Respekt ihr gegenüber lamentierte, huschte Lara an ihr vorbei in den ersten Stock.

Energisch klopfte sie an der Tür, an der der Name Kaya geschrieben stand. Die Hand der Fatima, eine aus Holz geschnitzte Hand mit einem aufgemalten Auge in der Innenfläche, starrte Lara an. Diese Hand sollte die in der Wohnung lebende Familie vor dem Bösen beschützen. Und Lara hoffte jeden Tag, dass sie ihre Arbeit tat. Denn hinter dieser Tür lebte Laras Ein und Alles.

Als Ayse ihr endlich die Tür öffnete, ein halb gegessenes Butterbrot in der linken Hand, brach Lara in Tränen aus.

Kurz darauf hielt Ayse ihre Hand fest in der ihren, während Lara von dem Erlebnis auf dem Friedhof erzählte. Ayses Mutter, die Lara wie ein zugelaufenes Hündchen einfach in den Kreis ihrer zahlreichen Kinder aufgenommen hatte, brühte in der kleinen Küche, die das Zentrum der Wohnung und des Familienlebens darstellte, einen Tee.

Als Lara von sterblichen Überresten erzählte, die vermutlich gerade wieder in den Sarg zurückgelegt wurden, fiel ihr die Teetasse klirrend zu Boden. Auch Ayses ansonsten goldene Haut nahm einen grauen Schimmer an. Bei den Muslimen musste ein Leichnam binnen vierundzwanzig Stunden unter der Erde liegen. Lara nahm an, dass es für das Ausgraben eines toten Körpers nicht einmal eine Sure im Koran gab.

Doch Ayse schluckte die eigenen Gefühle herunter. Der Blick ihrer dunklen Augen ruhte auf Lara, die genau sehen konnte, wie es unter dem bunten Kopftuch ratterte. Ayse überlegte sicher fieberhaft, was sie unternehmen konnte, damit es Lara wieder besser ging. So war ihre beste Freundin.

Die beiden waren schon zusammen in die Grundschule gegangen und hatten dann gemeinsam zum Gymnasium gewechselt. Für Lara begann der Tag erst dann, wenn sie Ayse morgens abholte, und er endete, wenn sie sich vor dem Schlafengehen die letzten Nachrichten per Handy schickten.

Jeden Mittag nach der Schule aß sie mit Ayses Familie zu Mittag, da Peter unter der Woche erst spät abends nach oben in die Wohnung kam.

Ayses Eltern stammten aus Cide, einer Stadt im Nordwesten der Türkei. Aber sie selbst war in Deutschland geboren worden. Sie hatte noch vier jüngere Brüder, die sich regelmäßig gegen sie verbündeten und ihr gehörig auf die Nerven gingen. Ayse betonte gern, dass Lara die Schwester war, die ihre Eltern ihr vorenthalten hatten.

Lara war es gewohnt, in einer Welt ohne Mutter zu leben, doch eine Welt ohne Ayse schien ihr unvorstellbar. Das Kopftuch, das Ayse aus Überzeugung trug, tat dieser Freundschaft keinen Abbruch.

In der Liebe war Ayse hoffnungslos romantisch. Sie hatte eine genaue Vorstellung von dem Mann, den sie einmal heiraten würde. Natürlich war er perfekt: etwas größer als sie selbst; ein Türke, der aber modern genug war, ihr ihre gewohnten Freiheiten nicht zu nehmen. Er war schön, aber nicht so schön, dass er stets von anderen Frauen umgarnt wurde. Er lebte in Berlin, hatte einen soliden Job, der ihm freie Wochenenden verschaffte, um genug Zeit für sie und die Kinder zu haben. Und er mochte Musik. Denn Ayse liebte Musik – und Menschen, die diese Leidenschaft nicht teilten, waren ihr suspekt.

Sie war davon überzeugt, dass sie ihren späteren Ehemann bei der ersten Begegnung erkennen würde. Und bis dahin würde sie all ihre Fantasien weiterhin in ihren zahlreichen, kitschigen Kurzgeschichten festhalten, die sie abends vor dem Schlafengehen in ein ledergebundenes Büchlein schrieb.

Lara war immer wieder verblüfft über Ayses genaue Vorstellungen, die sich Jahr für Jahr verfeinerten, zweifelte jedoch keine Sekunde lang daran, dass ihre Freundin genau diesen Mann treffen würde.

So wie sich Ayse ihren Mann vorstellte, hatte Lara gern über ihre Mutter fantasiert. Gemeinsam hatten sie mit dreizehn Jahren ein Alter Ego am Computer erstellt. Eine virtuelle Mutter. Eine Frau, die Laras blaue Augen und ihre schmale Figur hatte. Als Lara älter geworden war, hatten sich die Eigenschaften ihrer virtuellen Mutter jedoch geändert. Hatte die zu Beginn noch eine Vorliebe für Pferde gehabt, besaß sie inzwischen ein Talent zum Tanzen und eine Vorliebe für enge Tops.

»Hat er sich jetzt wieder im Keller eingeschlossen?«, fragte Ayse ahnungsvoll in Laras Gedanken hinein.

Sie nickte stumm und dachte an die leere Wohnung unter dem Dach, die wie mit einem riesigen, aufgerissenen Maul auf sie lauerte, als wollte sie Lara in ihrer Stille verschlucken.

»Ich bleibe bei dir, bis er wieder auftaucht.«

Das Maul schnappte zu, ohne Lara zu verschlucken. Wer eine Ayse hat, muss nicht allein sein.

 

Ayse und Lara setzten sich mit ihren Biolimos auf Laras Bett. Die kleine Schreibtischlampe setzte das Chaos auf dem Schreibtisch ins Rampenlicht. Dort stapelten sich Bio- und Chemie-Bücher. Lara hatte die Ferien nutzen wollen, um ihren Wissensstand in diesen Fächern zu verbessern. Dafür blieben ihr noch fünf weitere Wochen, wenn man von den zwei Wochen absah, die sie mit Ayse und deren Familie in die Türkei fahren wollte. Peter hatte wie immer keinen Sommerurlaub geplant, sodass Lara sich bereits zum dritten Mal der Familie ihrer Freundin anschließen durfte. Sie liebte es, mit Ayses Eltern und Geschwistern unterwegs zu sein. Bei ihnen war immer Chaos. Es war immer laut. Und es gab immer Streit. Nirgendwo fühlte sich Lara so lebendig wie zwischen ihnen. Wochen danach zehrte sie noch von der turbulenten Zeit mit den Kayas. Wie gern würde sie Peter einmal mitnehmen. Aber der bekam beim bloßen Gedanken daran, Berlin zu verlassen, rote Flecken im Gesicht. Sodass Lara ihre Überredungsversuche irgendwann hatte bleiben lassen.

Auf dem Boden standen drei alte Lederkoffer, die Lara auf einem Flohmarkt erstanden hatte. Vollgestopft mit ihren Büchern. Sie fand, dass Bücher nicht in Regale gehörten. Sie liebte es, blind in das chaotische System ihrer Koffer zu greifen und ein Buch daraus hervorzuziehen, das sie dann zum fünften oder sechsten Mal las.

Neben dem Computer stand eine Dockingstation, aus der leise Musik erklang. Während Ayse Limo trank, berichtete Lara von dem Erlebnis mit der Katze. Obwohl die Erinnerung kaum noch greifbar war, erzählte sie Ayse von dem dunklen Raum und den sechs Personen.

Ayse hörte ihr geduldig zu und starrte dann nachdenklich aus dem kleinen Dachfenster. Lara folgte ihrem Blick. Am Firmament zeigten sich ein paar klägliche Sterne. Die Lichter der Stadt erhellten den Himmel viel zu sehr, als dass er seine ganze Pracht hätte zeigen können.

»Vielleicht hattest du Hallus. Wegen des Schocks. Adrenalin kann doch alles Mögliche mit einem machen.«

»Du glaubst also auch, dass ich das nicht wirklich erlebt habe?«

»Mhm ...« Über Ayses Nase bildete sich eine tiefe Falte. Sie kratzte sich am Kopftuch, das dadurch zur Seite rutschte und den Blick auf ihre schwarzen Haare preisgab. »Was glaubst du denn?«

Typisch Ayse. Sie wusste, dass Lara – genau wie ihr Vater – nicht gut darin war, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Für Lara war es immer einfacher, sich Ayses Theorien anzuhören. Diese Strategie hatte ihre Freundin jedoch irgendwann durchschaut und damit begonnen, Fragen mit Gegenfragen zu beantworten.

»Ich habe keinen Schimmer. Echt nicht. Das war wie ein Traum. Die fühlen sich ja im ersten Moment auch immer so real an. Und dann vergisst man sie. Aber ... diese Leute. Das war so abgefahren. Ich hab mich denen so verbunden gefühlt, als würde ich sie schon ewig kennen.«

»Vielleicht war ja deine Mutter dabei.«

»Was?« Lara stockte einen Moment lang der Atem.

»Na ja, ihre Knochen lagen da überall rum. Vielleicht kam ihr Geist vorbei und wollte Verbindung mit dir aufnehmen?«

Lara starrte ihre Freundin an, als hätte sie den Verstand verloren. »Meine Mutter ist tot. Die nimmt keinen Kontakt auf!«

Ayse schwieg.

»Außerdem, du glaubst doch nicht mal an die Reinkarnation. Wie kommst du dann darauf, dass sie jetzt in einem dunklen Raum rumschwirrt und kleine Kugeln zum Drehen bringt?«

»Im Islam glauben wir daran, dass die Seele eines Menschen nach dem Tod in einer Zwischenwelt bleibt. Bis zum Tag des Jüngsten Gerichts. Da entscheidet sich dann, ob du in den Himmel oder in die Hölle kommst.« Ayse beugte sich vor.

Lara konnte die feinen, dunklen Haare auf der goldenen Haut erkennen.

»Vielleicht steckt deine Mutter in dieser Zwischenwelt und hat dich kurz mal reingeholt?«

Lara starrte Ayse an. Dann lachte sie. »Und wer ist die Person, die alle kaputt machen will? Hast du darauf auch eine Antwort?«

Nein. Die hatte sie nicht.

»Das ist das Dümmste, was du je an mir hochgelabert hast.«

Ayse lehnte sich zurück. Sie wirkte fast ein bisschen beleidigt. »Du bist die Einzige, die es fertigbringt, über das Leben nach dem Tod zu lachen.«

»Weil es das Leben nach dem Tod nicht gibt«, konterte Lara und stand auf. Ihre Playlist war zu Ende und Lara ließ sie von vorne laufen. Eine willkommene Ablenkung. Wenn sie über ihre tote Mutter nachdachte, überkam sie eine Unruhe, und sie konnte nicht mehr stillsitzen. Dasselbe Gefühl überkam sie, wenn sie sich Sorgen um ihren Vater machte. Oder um Ayse. Wann immer es ihrem kleinen, geliebten Kreis an Menschen an den Kragen ging, fühlte sich Lara wie ein rastloser Vogel, der erst wieder Ruhe fand, wenn es allen um sie herum gut ging.

»Du kannst nicht dein Leben lang ohne einen Glauben durch die Welt gondeln, Lara.«

Da war sie wieder. Ayses ewige Sorge, dass Lara ohne einen Gott haltlos durch die Gegend taumeln würde.

Lara vermutete, dass es Ayse völlig egal war, welchen Glauben sie sich aussuchte, solange sie sich nur endlich für irgendeinen der angebotenen Götter entschied. Manchmal war sie versucht, der Freundin den Gefallen zu tun. Einfach nur, um Ayse zu beruhigen. Aber sie hegte den Verdacht, dass ihre Freundin ein halbherziges Glaubensbekenntnis sofort durchschauen würde.

»Ich komme wunderbar zurecht. Ohne Gott und den ganzen Schnickschnack«, gab Lara deshalb bemüht locker von sich, worauf Ayse die Nase rümpfte. Diese Diskussion konnte die ganze Nacht dauern, dessen war sich Lara bewusst. Aber was sollte sie machen? Sie glaubte eben einfach nicht daran, dass da oben im Himmel jemand saß und zu ihnen herunterguckte. Nicht Gott. Und auch nicht ihre Mutter. Es gab keine Beweise. Also warum sollte sie sich auf jemanden verlassen, der dann am Ende vielleicht gar nicht da war?

War es nicht besser, sich auf sich selbst zu verlassen?

Laut ihrem Vater war Lara getauft. Aber sie waren beide wahrlich keine Kirchgänger. Peter verließ ohnehin nicht gerne das Haus. Und so verbrachten sie die Sonntage damit, Peters aktuelle Spiele zu zocken. Natürlich hatte Lara den Religionsunterricht in der Schule mitgenommen. Aber sie konnte den Geschichten der Bibel nichts abgewinnen, zumal sie den Verdacht hegte, dass das Buch der Bücher mehrfach zensiert worden war. Und was sollte diese endlose Aufzählung von Namen?!

»Du glaubst also wirklich, dass deine Mutter einfach weg ist?«, bohrte Ayse nach. Sie hatte diesen provozierenden Unterton, der klar machte, dass sie Laras Antwort bereits kannte und im Vorfeld missbilligte.

»Ja. Das glaube ich. Es gibt keine Beweise dafür, dass wir nach unserem Tod weiterexistieren. Es ist sogar ziemlich unlogisch!« Lara setzte sich wieder.

Ayse grinste plötzlich. »Wenn ich vor dir sterbe, komme ich als Geist und hau dir auf den Hintern.«

»Hör auf, so was zu sagen!«, rief Lara wütend.

»Okay, okay.«

Lara tat ihr rauer Ton leid. Aber Witze über Ayses Tod ertrug sie in diesem Moment nicht. Der Tod machte ihr Angst. Er bedeutete, dass jemand einfach nicht mehr da war. Weg. Für immer. Diese Endgültigkeit flößte Lara in mancher schlaflosen Nacht eine solche Ehrfurcht ein, dass sie zu atmen vergaß. Schließlich konnte es immer und überall passieren. Bei ihrer Mutter hatte eine Autofahrt gereicht. Und diese Fahrt in den Tod hatte ihren Vater für immer verändert. Zu einem Einsiedler gemacht, der sich nie wieder verliebt hatte. Wie auch, wenn er die meiste Zeit in Wohnung und Büro verbrachte? Aber Konrad zufolge waren Peter und er früher ein aktiver Teil der Gesellschaft gewesen.

Das war es, was Lara vom Tod wusste: Er veränderte das Leben für immer. Und nie zum Besseren.

Lara ahnte, dass ihre Einstellung zum Glauben für ihre Freundin zunehmend ein Problem darstellte. Ayse engagierte sich in einem Jugendclub, der Kids verschiedener Religionen zum Gespräch und zu gemeinsamen Aktionen animieren sollte. Immer wieder versuchte sie Lara zu überreden, sich daran zu beteiligen. Es fiel ihr leicht, neue Kontakte zu knüpfen, und aufgrund ihres Engagements in dem Jugendzentrum hatte sie immer weniger Zeit. Aber Lara fühlte sich dort fehl am Platz. Trotz ihrer Angst, dass Ayse und sie sich voneinander entfernen könnten, konnte sie sich nicht überwinden, hinzugehen. Es fiel ihr einfach schwer, neue Kontakte zu knüpfen. Das hatte sie wohl von ihrem Vater. Wie so oft rumorte in ihr der Verdacht, dass sie Ayse mehr brauchte als umgekehrt.

Ihre Freundin sah auf die Uhr. »Halb zwei. Ist dein Vater immer noch da unten?«

»Manchmal bleibt er die ganze Nacht.«

 

Irgendwann waren Ayse die Augen zugefallen. Lara hatte sie zugedeckt und noch zwei weitere schlaflose Stunden auf das Geräusch des Schlüssels gewartet. Dann war auch sie eingeschlafen.

Als sie am nächsten Tag neben Ayse erwachte, stellte sie fest, dass ihr Vater die ganze Nacht nicht nach oben gekommen war.

 

»Wir gehen da jetzt runter.«

Ayse machte sich einen Kaffee und goss auch Lara einen ein.

»Dann bringt er uns um«, erklärte Lara besorgt.

»Das ist doch absurd!«, rief Ayse wütend. »Seit Jahren hockt er da unten rum und du darfst nicht mal einen Blick reinwerfen?«

Lara trank einen Schluck. Heiß. Aber sie bildete sich ein, sofort ein bisschen wacher zu sein. Außerdem schmeckte der Kaffee immer viel besser, wenn Ayse ihn machte.

Lara hatte schon oft versucht, das Büro ihres Vaters zu betreten. Sie war mit Essen hinuntergeschlichen und hatte höflich geklopft. Hatte Telefonate vorgetäuscht, wichtige Anrufe aus der Schule, wegen denen sie ihren Vater unbedingt bei seiner Arbeit stören musste. Aber immer hatte sie nur einen Blick durch den schmalen Türspalt erhaschen können.

»Wenn er dich nach so einem Tag wie gestern alleine lässt, und nicht mal in der Nacht nach Hause kommt, dann ist er selber schuld. Er kann doch nicht erwarten, dass du da oben rumhockst und auf ihn wartest.« Ayse stellte die Tasse ab und verließ entschlossen die Wohnung.

Nervös folgte Lara ihr. Sie gingen das Treppenhaus hinunter und standen kurz darauf vor der verschlossenen Kellertür. Ayse trat ein Stück zur Seite, um Lara den Vortritt zu lassen. Deren Hand schwitzte, als sie die Tür öffnete und die beiden die letzten Stufen hinuntergingen. Es wurde augenblicklich kühler. Lara lief den dunklen Gang entlang. Vier Räume gingen vom Flur ab, die jeweils von den vier Parteien des Hauses gemietet waren.

Die Tür, die ihnen gehörte, stand offen.

Lara zögerte. Niemals würde Peter sein Büro offen stehen lassen. Vorsichtig schob sie die Tür ganz auf. Ihr Atem setzte aus; das Zimmer war ein Schlachtfeld.

Eine einzelne Glühlampe, die an einem langen Kabel von der Decke baumelte, versuchte vergeblich, den Raum zu erhellen. Zwei Tische mit etlichen zerrissenen Zetteln darauf standen an der Wand. Die Computer lagen auf dem Boden, auseinandergenommen, zerstört.

»Shit!«, entfuhr es Ayse, die neben Lara trat.

Dem konnte sie nur zustimmen. Sie ließ den Blick über die Wände des Raums gleiten. Sie waren gut zwei Meter hoch und aufgrund der schlechten Beleuchtung brauchte sie eine Weile, um all die Zettel zu erkennen, mit denen die Wände von oben bis unten tapeziert waren. Zettel, auf denen Zahlen und Wörter vermerkt waren. Ein wildes Sammelsurium, das Lara als Programmiersprache entzifferte. Alle Zettel waren verschmiert, teilweise zerrissen. Lara wurde übel. Was war hier geschehen?

Sie ging einen Schritt zur Seite, weil sie auf etwas getreten war. Die Hälfte einer linierten Din-A4-Seite, auf der ein Wort stand.

Lara sah sich um und entdeckte das passende Gegenstück an der Wand. Sie hielt beide Zettel zusammen.

 

Styx

Sieben Länder

 

»Heißt so das Programm?«, flüsterte Ayse voller Ehrfurcht.

»Ich weiß es nicht.« Ihre Stimme zitterte.

»Wo ist er?«

Auch das wusste Lara nicht. Hatte er einen Tobsuchtsanfall gehabt?

»Vielleicht war das gar nicht dein Vater«, überlegte Ayse laut und strich ihr Kopftuch glatt. »Vielleicht ist hier eingebrochen worden und jemand hat deinen Vater entführt!«

»Warum sollte jemand meinen Vater entführen?«

»Das Programm ... Vielleicht kann man damit Codes knacken, und die russische Regierung hat es geklaut.«

Lara zögerte. Diese Erklärung kam ihr etwas abenteuerlich vor. Dennoch konnte sie sich nicht vorstellen, dass ihr Vater seine Arbeit von etlichen Jahren selbst zerstört hatte. Und selbst wenn, wo war er? Warum war er nicht nach Hause gekommen?

 

Sie rannte nach oben und versuchte, ihren Vater anzurufen. Sein Handy war abgestellt. Ayse fragte gleichzeitig die Nachbarn, ob sie Peter gesehen hatten. Nichts. Nicht einmal Frau Meier wusste etwas. Und die bekam normalerweise jede Bewegung im Treppenhaus mit. Lara hatte einmal einen Barhocker hinter der offen stehenden Tür ihrer Wohnung gesehen. Sie war sich sicher, dass Frau Meier gerne durch den Türspion guckte und ihre Nachbarn überwachte. Muffinspeisend natürlich.

Den ganzen Tag verbrachte Lara damit, Orte abzuklappern, an denen Peter sein konnte. Sie fuhr noch einmal zum Friedhof, was mit der S-Bahn fast eine Stunde dauerte. Sie fuhr zu der Firma in Potsdam, für die Peter immer seine Games erstellte. Als auch dort niemand ihren Vater gesehen hatte, ging sie zu Konrad.

Er lebte im Prenzlauer Berg in einer typischen Berliner Altbauwohnung. Langer Flur, hohe Decken. Unten im Haus ein veganes Restaurant. Er freute sich über den unvorhergesehenen Besuch, bis Lara ihm den Grund ihres Kommens erzählte. Daraufhin verfrachtete er sie ins Auto und fuhr auf schnellstem Weg nach Neukölln. Während der Fahrt ließ er sich alle Details von ihr berichten. Der Gang zum Friedhof, die ausgegrabenen Knochen ...

»Wie hat Peter ausgesehen? Was hat er gesagt?«

»Er hat gar nichts gesagt«, betonte Lara.

Konrad war anzusehen, wie sehr er sich um Peter sorgte.

»Er hat sich den Ehering genommen und wollte dann schnell heim. Dann ist er in sein Büro, und seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

Sie sah auf ihr Handy, weil Ayse sich umgehend melden wollte, wenn Peter wieder nach Hause kommen sollte. Nichts.

»Vor drei Tagen war noch alles normal auf dem Friedhof! Da lagen keine Knochen rum.«

Lara stutzte. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, dass Konrad ebenfalls zum Grab ihrer Mutter ging. Aber sie kam gar nicht dazu, nachzufragen.

»Und er hat alles zerstört, sagst du? Das ganze Büro?«

Konrad wurde während der Fahrt so nervös, dass er sogar eine rote Ampel überfuhr. Schließlich parkte er den Wagen im Halteverbot und trieb Lara zur Eile an, ihm die Haustür zu öffnen. Dort rannte er sofort in den Keller.

Lara folgte ihm und beobachtete stumm, wie er das ohnehin schon chaotische Büro noch mehr auf den Kopf stellte.

»Wo ist er ...«, fragte er immer wieder.

Langsam ging Lara näher. Hinter ihr trat Ayse dazu, die ihr Kommen bemerkt hatte.

»Was sucht er denn?«, fragte sie leise, als wollte sie Konrad in seinem manischen Treiben nicht stören.

Lara beobachtete, wie er zunehmend außer sich Papiere durcheinanderwarf. In seinem Blick lag Besessenheit.

»Keine Ahnung. Jedenfalls nicht meinen Vater.«

 

Als Peter am Abend immer noch nicht aufgetaucht war, stand Konrad mit gepackter Tasche vor Laras Tür.

»Ist ja nicht gut, wenn du alleine bist«, war alles, was er als Erklärung abgab. Dann verschwand er in Peters Zimmer und begann auch dort, alles auf den Kopf zu stellen.

Lara zog es zu Ayse. Deren Mutter kochte die besten Köfte, die sie jemals gegessen hatte. Das war Begüms Ritual: Wenn es Probleme gab, wurde gekocht.

»Mit vollem Magen spürt man seine Sorgen nicht«, behauptete sie immer.

Am Küchentisch berichtete Lara von Konrads seltsamem Verhalten und dass er sich gar nicht auf die Suche nach Peter machte.

»Aber was sucht er denn dann?«, fragte Begüm.

Der Name von Ayses Mutter stand für Eine ehrwürdige Dame. Absolut zutreffend, wie Lara fand. Genau wie Ayses Name für das Leben und Lebendigkeit stand.

Ihr eigener Name kam aus dem Russischen und bedeutete Lorbeerkranz. Damit konnte Lara allerdings nicht viel anfangen.

»Konrad hat mich nach einem USB-Stick gefragt. Da ist anscheinend eine Sicherheitskopie des Programms drauf.«

»Und diese Kopie ist wichtiger als dein Vater?«, fragte Ayse.

Lara zuckte nur mit den Schultern. Sie konnte sich Konrads Verhalten auch nicht erklären.

»Weißt du, wo der Stick sein könnte?«

Sie schüttelte den Kopf.

Als sie spät abends wieder in ihre Wohnung kam, saß Konrad am Tisch und erwartete sie. Er lächelte, aber seine Augen lachten nicht.

»Entschuldige, Lara. Ich habe vorhin die Fassung verloren. Verstehst du, in dem Programm stecken Jahre meiner Arbeit. Ich muss einfach wissen, wo die Sicherheitskopie ist.«

Sie musterte ihn. »Das kann Papa dir ja sagen, wenn er zurückkommt.«

Keine Antwort.

»Ich will zur Polizei«, sagte Lara.

»Das können wir erst nach 24 Stunden.«

»Ayse meinte, dass Papa vielleicht entführt wurde«, bohrte sie weiter. »Weil jemand scharf auf euer Programm ist. Es würde mir echt helfen, wenn du mir sagst, an was ihr gearbeitet habt.«

Wieder keine Antwort.

»Jetzt rede endlich!«, schrie Lara ihn unvermittelt an, worauf er ihre Hand nahm.

Er drückte sie fest und setzte an, etwas zu sagen. Dann aber lächelte er. »Glaub mir. Niemand hat ihn entführt. Weil niemand weiß, woran wir gearbeitet haben. Peter ist morgen wieder zu Hause. Bestimmt.«

Obwohl er wie immer klang, ihr redseliger Patenonkel, der es verstand, sie aufzumuntern, wurde Lara das Gefühl nicht los, dass ihm eigentlich etwas anderes durch den Kopf gegangen war. Und als sie schlaflos im Bett lag und durch das kleine Dachfenster in den bewölkten Himmel starrte, wusste sie plötzlich, was es gewesen war: Er rechnete nicht damit, dass Peter zurückkam.

 

Nach nur ein paar Stunden unruhigen Schlafs, die Lara wie wenige Minuten vorkamen, gab es immer noch keine Nachricht von ihrem Vater.

Lara schwitzte, gleichzeitig war ihr kalt. So lange war er noch nie weg gewesen. Sie konnte nichts dagegen tun, dass ihr Gehirn ständig neue Bilder in ihr Bewusstsein sandte, was alles geschehen sein konnte. In keinem dieser Bilder war ihr Vater noch am Leben. Aber jedes dieser Bilder trieb sie an, irgendetwas zu tun.

Ayse und Begüm begleiteten sie zur Polizei, während Konrad darauf bestanden hatte, erneut das Büro zu durchsuchen. Angeblich, um bei der Aufklärung von Peters Verbleib zu helfen. Aber Lara hatte den Verdacht, dass er noch einmal den verschollenen Stick suchen wollte, ehe sich die Polizei das Büro vorknöpfte.

Ein Beamter nahm alles auf. Er war jung und kaum größer als Lara. Er wirkte nicht wie jemand, der einen verschwundenen Vater zurückbringen konnte. Aber er veranlasste, dass das Büro durchsucht wurde. Genau wie die Wohnung. Lara musste etliche Male von dem Erlebnis auf dem Friedhof berichten. Am Ende sah sie dem jungen Mann genau an, was er vermutete.

 

»Der glaubt, dass Papa sich umgebracht hat!«

»Blödsinn!«, rief Ayse. Sie goss Nudeln ab, während Begüm in einem Topf Soße umrührte.

»Die gehen einfach jeder Spur nach. Aber bestimmt finden sie deinen Vater. Peter ist einfach nur ... Er kommt wieder zurück.«

Lara brachte keinen Bissen herunter. Wenn selbst Ayse die Erklärungen ausgingen, wo Peter sein konnte, dann gab es auch keine mehr.

Und obwohl Ayse auch in dieser Nacht bei ihr blieb, fühlte sie sich so allein wie noch nie.

Sie lag im Bett und lauschte Ayses ruhigem Atem. Gleichzeitig spürte sie, wie eine Kälte sich auf ihre Brust legte. Sie schien von innen und außen gleichzeitig zu kommen. Und erschwerte das Atmen. Als sie es nicht mehr aushielt, stand sie mitten in der Nacht auf und putzte das Badezimmer. Einfach nur, um diesem Gefühl zu entkommen. Aber wohin sie auch ging, wie viel sie auch putzte und schrubbte, das Gefühl der Kälte verfolgte sie. Bis sie schließlich im Sitzen auf Peters Fernsehsessel ein wenig Schlaf fand.

 

Sechs Tage lang hörte Lara nichts von der Polizei. Und nichts von Peter. Mit jedem Tag breitete sich die Kälte in ihrer Brust aus. Und die Angst, ihren Vater nie wiederzusehen. Jeden Tag klapperten Lara und Ayse alle Orte ab, an denen Peter sein konnte. Lara war sich bewusst, wie sinnlos ihr Handeln war. Denn wenn er dort wäre, dann hätte er auch den Weg nach Hause gefunden. Aber alles war besser, als zu Hause zu hocken und zum zehnten Mal das Waschbecken zu schrubben.

Am sechsten Tag stand dann der junge Beamte vor der Tür. Er hielt einen Laptop in einer durchsichtigen Tüte.

»Ist das der Computer deines Vaters?«, fragte er.

Lara erkannte auf den ersten Blick, dass es seiner war. Sie hatten das Gerät gefunden. Am Ufer der Spree. Von ihrem Vater keine Spur.

Lara saß mit Ayse und dem Polizisten in der Küche. Auch Konrad war da. Er hielt sich etwas abseits und hörte dem Beamten nachdenklich zu. Unter dem Küchentisch presste Lara die Hände zusammen.

»Wir haben alles abgesucht. Taucher sind unterwegs.«

Sie suchten also nach einer Leiche.

Ayse nahm Laras Hand.

»Möglicherweise hat das Erlebnis auf dem Friedhof deinen Vater so mitgenommen, dass ...«

»Er hat sich nicht umgebracht«, unterbrach Lara die Überlegungen des Polizisten.

Der sah fragend zu Konrad und Ayse.

»Bist du versorgt? Hast du jemanden, der sich um dich kümmert?«

»Sie hat mich. Und meine Familie«, betonte Ayse schnell.

Konrad trat hinter Lara und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Ich bin ihr Patenonkel. Ich bleibe bei ihr.«

Lara hätte sich gern dem geborgenen Gefühl hingegeben, das seine Hände versprachen.

»Sagen Sie ... konnten Ihre Kollegen rausfinden, ob der Laptop noch einmal benutzt wurde? Haben Sie irgendwelche Daten gesichert?«

Lara warf Ayse bei dieser Frage einen angespannten Blick zu.

»Meine Kollegen konnten keine Daten sichern.«

»Weil der Laptop im Wasser lag?«

»Nein. Der Laptop lag am Ufer. Aber irgendwas ...«, der Polizist suchte nach den richtigen Worten, »hat ihn zerstört. Die Festplatte ist ruiniert. Wir können nicht mal sagen, ob Herr Feingeist dafür verantwortlich war. Oder irgendwas anderes.«

Bei den Worten »irgendwas anderes« verkrampften sich Konrads Hände schmerzhaft um Laras Schultern. Wie war es möglich, dass er durch das Verschwinden der Daten mehr aus der Fassung geriet als durch das Verschwinden seines besten Freundes?

 

Am siebten Tag half Lara Konrad, die Unordnung im Büro aufzuräumen. Die Polizei hatte den Raum wieder freigegeben. Außer von Peter und Konrad waren keine Fingerabdrücke gefunden worden. Was ein Verschwinden ohne Fremdeinwirkung immer wahrscheinlicher machte.

Aber Lara war sich nicht sicher. Sie musste einen Hinweis finden. Irgendetwas, das ihr etwas über das Programm verriet. Vielleicht war doch etwas davon an die Außenwelt gedrungen, und vielleicht hatte sich doch jemand dafür interessiert. So sehr, dass er den zuständigen Programmierer entführt hatte? In der Gamer-Industrie ging es um sehr viel Geld.

Der Beamte hatte von dieser Theorie nicht viel gehalten. Was hauptsächlich Konrad zu verdanken war, der mehrfach versichert hatte, niemand außer ihnen beiden habe von dem Programm gewusst. Man hatte Lara zwar versprochen, der Theorie nachzugehen, aber darauf wollte sie sich nicht verlassen.

Sie wusste, dass ihr Vater noch am Leben war. Sie spürte es. Und sie würde keine Ruhe geben, bis sie ihn gefunden hatte.

Hast du jemanden, der sich um dich kümmert?

Sie schluckte, während sie einen Notizblock von Peter durchblätterte. Sie hatte keine Großeltern oder Tanten wie Ayse, die im Falle eines Falles Schlange stehen würden, um sich um jeden in ihrer Familie zu kümmern, der ansatzweise alleine wäre. Peters Eltern waren genau wie Majas Eltern schon lange tot. Beide waren Einzelkinder – wie Lara.

Sie hatte niemanden. Zu keiner Zeit war ihr das so bewusst gewesen wie in diesem Moment.

Lara vertrieb diese Gedanken. Sie würde auch niemanden brauchen – schließlich würde sie ihren Vater finden! Und der Schlüssel dazu, dessen war sie sich sicher, lag in dem Programm.

Sie legte den Notizblock zur Seite und fand wieder den Zettel mit dem Namen Styx. Sie beobachtete Konrad, der konzentriert mit Zahlen beschriebene Seiten sortierte. Er machte sich keine Sorgen, dass Lara irgendwelche neuen Erkenntnisse aus den herumliegenden Zetteln erlangen würde. Es hätte auch auf Chinesisch da stehen können, Lara hätte genauso wenig verstanden. Sie musste auf andere Weise an einen Hinweis kommen.

»Styx bedeutet die Grenze zwischen dem Totenreich und den Lebenden.«

Konrad sah überrascht auf. »Was?«

Sie legte ihm den Zettel vor. »Styx. Der Fluss, der die Lebenden von den Toten trennt. Warum habt ihr das Programm so genannt?«

Er zögerte einen Moment lang. Dann lachte er. Das Lachen, das Lara früher immer angesteckt hatte und sie jetzt kalt ließ.

»Lara, der Name bedeutet nichts. Es war ein Arbeitstitel. Nach der Lieblingsband deines Vaters.«

Styx. Die Band. Natürlich. Peter hatte sämtliche Alben und hörte so gut wie nie etwas anderes. Boat on the river. Crystal Ball ... In seiner Jugend waren die ganz groß gewesen, hatte er oft betont. Eine mögliche Erklärung, das Programm so zu nennen.

Aber war es auch die Wahrheit?

»Unser Programm hat nichts mit Peters Verschwinden zu tun. Deshalb brauchst du auch nichts darüber zu wissen. Es war sowieso nicht fertig. Und ohne Peter kriege ich das nie wieder zusammen.«

»Hör auf, so zu reden, als wäre er tot!«

Einen Moment lang musterte er sie. Dann murmelte er: »Entschuldige«, und setzte seine Arbeit fort.

 

Eine Stunde später waren sie fertig. Konrad hatte alle relevanten Unterlagen zu ihrer Arbeit in Kartons gepackt und in seinen Wagen verfrachtet. Angeblich, um sie mit einem anderen Kollegen zu besprechen. Aber Lara hatte das Gefühl, dass er die Unterlagen eher vor der Außenwelt und vor ihr verstecken wollte. Sie fragte sich, warum sie auf einmal so paranoid wurde. Es hieß doch immer, Menschen gingen unterschiedlich mit dramatischen Ereignissen um. Vielleicht war Konrads Geschäftigkeit auch nur ein Weg, um sich abzulenken. Genau wie ihr Putzfimmel.

Als er das Büro voll beladen verließ, entdeckte sie einen Zettel, den sie übersehen hatten. Er lag unter einem der Tische. Sie kletterte darunter und wollte den Zettel einsammeln, als ihr eine in die Wand eingelassene Tür auffiel. Sie war nicht sehr groß. Und so unauffällig, dass man sie nur aus knapper Entfernung wahrnahm. Lara drückte dagegen. Die kleine Tür gab nach, dahinter entdeckte Lara einen Hohlraum. Sie bekam eine Gänsehaut, als sie mit der Hand ins Dunkel fasste und etwas berührte. Ein Gegenstand, groß wie eine Schuhschachtel. Sie zog die Schachtel aus dem Dunkel. Sie war schwarz und völlig verstaubt. Fingerabdrücke waren im Staub zu erkennen. Die Ecken abgegriffen, als wäre die Schachtel oft geöffnet und wieder verschlossen worden. Lara hörte Konrads Schritte. Schnell schloss sie das kleine Türchen und packte die Schachtel in den Karton, in dem sie Peters persönliche Sachen gesammelt hatte. Dinge, die für Konrad uninteressant waren.

Als ihr Patenonkel das Büro betrat, schnappte sie sich den Karton und ging damit nach oben.

Erst als Konrad schlief, wagte Lara, die Schachtel zu öffnen. Was sie fand, veränderte alles.

 

Am nächsten Morgen zeigte sie Ayse den Fund, und diese bekräftigte Lara in ihrem Vorhaben, eine Reise zu beginnen.

Eine Reise ohne Konrad.

 

 

Der Stick

 

Laute Bässe brachten ihren Körper zum Vibrieren. Das Auto raste mit 200 km/h über die A9 Richtung München. Lara hielt sich mit der einen Hand am Türgriff fest, mit der anderen umklammerte sie die schwarze Schachtel.

Sie hatte zwar eine Mitfahrgelegenheit gefunden, aber damit auch das Problem, das alle hatten, die sich zu einem Unbekannten ins Auto setzten: Man wusste nie, wer hinter dem Steuer saß.

In Rudis Fall würde Lara ihr Ziel zwar wesentlich schneller erreichen, als sie erwartet hatte. Sie war sich jedoch unsicher, ob gefühlte zehn Herzinfarkte diesen Vorsprung wert waren. Denn Rudi hatte eine Vorliebe für waghalsige Überholmanöver. Nur am Schweißabdruck auf seinem blauen Shirt war abzulesen, dass er nicht ganz so locker war, wie er sich gab.

Lara hätte sich zur Beruhigung gerne etwas unterhalten und dabei vorsichtig einfließen lassen, dass sie schnelles Fahren mochte – eine freie Straße vorausgesetzt –, doch Rudi hatte eine weitere Vorliebe: Techno. Laut.

Und so atmete Lara erleichtert auf, als Ayse endlich ihre Chatanfrage bestätigte.

A: Bist du schon da?

Lara seufzte. Alles, was nicht die Türkei war, war in Ayses Welt in der Nähe von Berlin und innerhalb einer Stunde zu erreichen. Dabei hatte Lara noch gute 500 Kilometer vor sich.

L: Frühestens heute Abend. Hat Konrad schon nach mir gefragt?

A: Hat mir im Treppenhaus aufgelauert.

L: Hat er dir geglaubt?

A: Na klar. Offiziell bist du ans Meer gefahren. Mit einer Schulfreundin. Um von dem ganzen Chaos Abstand zu bekommen.

L: Und das hat er geschluckt?

A: Er wollte eine Telefonnummer, weil er dich auf dem Handy nicht erreichen konnte. Als ich ihm die nicht geben wollte, ist er schon wieder ausgeflippt. Aber Mama hat ihm klar gemacht, dass sie mit dir in Kontakt steht.

Lara blickte besorgt aus dem Fenster auf die vorbeirasende Landschaft. Konrad konnte nicht wissen, wohin sie wirklich unterwegs war, beruhigte sie sich selbst. Und er konnte nicht wissen, was sie alles in dem Karton gefunden hatte.

Das Handy in Laras Hand vibrierte.

A: Eingepennt oder was?

L: Vielleicht ist das eine ganz bescheuerte Idee.

A: Bestimmt. Es war ja deine.

L: Haha.

A: Alles ist besser, als bei Mister Geheimnisvoll zu bleiben. Findet Mama übrigens auch.

Für einen Moment legte sich Wärme über die Kälte in Laras Brust, als sie an Begüm dachte. Vielleicht war sie doch nicht ganz allein? Lara fluchte, als Rudi in diesem Moment scharf abbremste und den Wagen hektisch auf die rechte Fahrbahn lenkte. Der Deckel der Schachtel wurde bei dem Manöver in den Fußraum befördert. Und mit ihm der ganze Inhalt. Lara bückte sich, um die wertvollen Einzelteile wieder einzusammeln.

Mittlerweile kam ihr die Schachtel wie eine Schatztruhe vor: Sie war unter anderem gefüllt mit Fotos ihrer Mutter. Sogar deren ungültigen Reisepass hatte Lara in ihren zitternden Händen gehalten.

Der Gedanke, dass sie mit ihrem Alter Ego gründlich falsch gelegen hatte, da Maja grüne Augen hatte, war kurz gewesen und der Freude darüber gewichen, endlich Anhaltspunkte über ihre Mutter in der Hand zu halten.

Aber auch Fotos von Unbekannten waren dabei. Besonders interessant fand Lara ein Gruppenfoto, auf dem ihr Vater, ihre Mutter und Konrad zu sehen waren. Neben ihnen noch zwei junge Männer – das Foto war bestimmt 20 Jahre alt –, ein hagerer Junge mit einem eindeutigen Akneproblem neben einem wahnsinnig gut aussehenden Blonden. Ayse hatte die beiden als Akneboy und Mister Surfer betitelt. Die Fünf hatten die Arme umeinander gelegt, Maja stand in der Mitte. Alle strahlten in die Kamera. Nur Konrad hatte das Gesicht zur Seite geneigt und betrachtete Maja.

Außerdem hatte Lara das Foto einer ihr unbekannten Frau gefunden, die schon etwas älter war. Aufgrund der Ähnlichkeit zu ihr und Maja vermutete sie, dass es sich dabei um ihre Großmutter handelte. Sie hatte nie ein Foto ihrer Großeltern gesehen und vergeblich nach einem weiteren Bild gesucht, das ihren Großvater zeigen könnte. Dabei war sie auf einen anderen interessanten Fund gestoßen: das Foto eines jungen Paares. Beide lachten glücklich in die Kamera. Zwischen ihnen niemand anderes als Lara im geschätzten Alter von drei Jahren. Sie hatte keine Ahnung, wer diese beiden Personen waren. Der Mann war von großer Statur mit schwarzem dichtem Haar und einer auffällig großen Nase, womit er einem Ameisenbär ähnelte. Neben ihm schien die Frau wie ein Zwerg, mit ebenfalls dunklen Haaren und unzähligen Lachfalten um die Augen. Nebeneinander wirkten die beiden, als wären sie direkt einem Märchenbuch entsprungen. Auf der Rückseite war vermerkt, dass das Foto im Jahr 2002 geknipst worden war. Ein Jahr vor dem Tod ihrer Mutter. In Sasbachwalden. Einem kleinen Ort im Schwarzwald, wie Lara herausfand.

Neben den Fotos hatte sie in der Schachtel auch eine Kette mit einem Anhänger entdeckt. Ein Halbmond, verziert mit grünen Strasssteinen. In dem Halbmond schaukelte eine kleine geflügelte Elfe.

Als Letztes befand sich noch eine CD in der Schachtel. Einzig der Titel Sorry war handschriftlich darauf geschrieben. Nicht von ihrem Vater, wie Lara an der Schrift erkannt hatte.

Natürlich hatten sie die CD sofort eingelegt. Ein Klavierstück war darauf zu hören. Lara hatte ihr Handy vor den Lautsprecher gehalten und versucht, den Komponisten des Liedes mit Hilfe einer App herauszufinden. Die Suche ergab keinen Treffer. Möglicherweise war das Stück einfach nicht in der zugehörigen Datenbank – oder jemand hatte es selbst komponiert und aufgenommen. Aber für wen? Und warum hatte derjenige das Stück Sorry genannt?

Ayse hatte es sich immer wieder angehört (und auch ein bisschen geweint) und eine unglaublich romantische Geschichte über einen früheren Freund von Laras Mutter erfunden. Ihrer Meinung nach würde sie in ihrem ganzen Leben nie wieder etwas Traurigeres hören.

 

Hektisch sammelte Lara im Auto die Fotos ein. Aber das Wichtigste war verschwunden.

»Anhalten!«, rief sie panisch.

Rudi sah sie nur kurz von der Seite an. »Musst du schon wieder?«

»Ich hab was verloren. Halten Sie bitte an!«

Genervt verdrehte er die Augen und brachte das Auto auf einem Parkplatz zum Stehen. Lara schnallte sich ab, sprang aus dem Auto und tastete mit der Hand unter den Sitz. Als sie den Stick zu fassen bekam, breitete sich Erleichterung in ihr aus.

Er hatte in der Schachtel gelegen. Unter all den Fotos ihrer Mutter. Lara war davon überzeugt, dass die Kopie des Programms auf diesem Stick war. Und dass Peter einen Grund gehabt hatte, warum er die Kopie vor Konrad versteckt hatte.

Von Konrad würde sie die Wahrheit nicht erfahren, dessen war sich Lara mittlerweile sicher. Also musste sie selbst herausfinden, was es mit dem Programm auf sich hatte.

Sie glaubte, dass Peter das Programm noch einmal benutzt hatte, ehe der Rechner sich selbst zerstört hatte. Sonst wäre Konrad nicht so nervös geworden. Möglicherweise hatte er Styx ein letztes Mal laufen lassen. Und war dann verschwunden. Die letzte Kopie auf dem Stick hatte er in seiner Verfassung wahrscheinlich vergessen. Die Sieben Länder, der Untertitel des Programms, konnten für die verschiedenen Levels stehen, die man bei diesem Programm erreichen konnte. Lara konnte ja nicht ausschließen, dass es sich wie beim Rest der Arbeit ihres Vaters um ein Game handelte. Aber warum hatte ihr Vater alles zerstört?

Sie war entschlossen, dieses Geheimnis zu lüften. Aber sie konnte das Programm weder öffnen noch auf ihren Rechner ziehen. Peter hatte den Stick mit mindestens einem Passwort geschützt. Nach zwei Versuchen hatten Ayse und Lara aufgegeben, aus Angst, dass sich das Programm nach einem dritten Fehlschlag selbst zerstörte (was nach Ayses Meinung durchaus passieren konnte und mit einer großen Explosion einhergehen würde). Sich an einen Fachmann zu wenden, erschien Lara zu gefährlich. Sie wusste um die guten Kontakte von Konrad und hatte Angst, dass er über Umwege von ihrer Recherche erfuhr. In seinem Gemütszustand würde er ihr Styx einfach wegnehmen. Und damit jede Chance, ihren Vater zu finden.

Deshalb wollte sie das Paar suchen, das auf den Fotos zu sehen war. Sie wusste, dass ihr Vater seit zwölf Jahren an dem Programm arbeitete. Also musste er ungefähr in der Zeit damit angefangen haben, als das Foto entstanden war. Vielleicht konnten diese beiden Personen ihr mehr darüber erzählen?

Es war eine Kamikazeaktion. Schließlich war es gut möglich, dass die betreffenden Personen gar nicht mehr in diesem Sasbachwalden lebten. Sie hatte die Fotos eingescannt und per Gesichtserkennung versucht herauszufinden, ob die beiden bei Facebook oder anderen öffentlichen Plattformen waren. Ohne Ergebnis. Da keine Namen auf dem Foto standen, musste Lara auf anderem Weg herausfinden, wer da an ihrer Seite gestanden hatte. Und warum ihr Vater ihr dieses Foto niemals gezeigt hatte.

 

Mit einem wütenden Blick auf Rudi befestigte sie den Stick an der Kette mit dem Halbmond und legte sie sich um.

»Den Rest der Fahrt überschreiten wir die 150 nicht. Sonst zahle ich keinen Cent.« Sie versuchte, möglichst so zu klingen, als würde sie es wirklich, wirklich sehr ernst meinen. Und tatsächlich. Den Rest der Fahrt brachte sie ohne weiteres Herzrasen hinter sich, stattdessen mit dem leichten Gewicht des Sticks und der Elfe auf ihrer Brust.

 

 

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