Venus

 

Da war sie. Eine helle Sichel am Morgenhimmel. Ihr weißes Licht blendete ihn durch das Okular. Marc stellte das Teleskop scharf und bewegte sanft die Rektaszensionsachse, um sie nicht aus dem Fokus zu verlieren. Es war immer wieder erstaunlich, wie schnell die Planeten vorbeirasten.

Der Anblick war Wahnsinn. Ein silberner Diamant am Himmel: die Venus. Der Planet der Weiblichkeit, der Liebe.

Kaum jemand erwartete, dass unter ihrer Atmosphäre Stürme tobten und eine Temperatur von 464 °C herrschte. Sie strahlte nur deshalb so hell, weil die dichten Wolken das Sonnenlicht reflektierten. Ein Trick, der dem Betrachter vorgaukelte, sie sei ein friedlicher Ort. Während ein Mensch in Wirklichkeit keine Sekunde auf ihr überleben konnte. Eben diese Wolkendecke war es auch, die die Geheimnisse der Venus bestens verbarg. Sodass sich über ihre wahre Beschaffenheit lange nur spekulieren ließ. Diese Eigenschaft machte sie zu Marcs Lieblingsplaneten.

»Zeig mal her!«

Er hatte Gustav gar nicht kommen gehört. Sein Großvater schlurfte mit zwei dampfenden Tassen auf ihn zu. Susi im Schlepptau. Seit er aus dem Krankenhaus zurück war, ließ die schwarze Labradorhündin den alten Mann keine Sekunde lang aus den Augen.

»Hier.«

Marc nahm die Tasse entgegen, auf der ein inzwischen verblasstes Bild von Susi als Welpe zu erkennen war. Das war jetzt wie lange her? Sieben Jahre?

Gustav schob ihn einfach vom Stuhl und übernahm das Teleskop. Waren das Marcs Flipflops, die er da trug?

»Du hast es viel zu tief eingestellt.«

»Ich will dabei lieber sitzen.«

Er nahm einen Schluck Kaffee und betrachtete seinen Großvater, der konzentriert durch das Okular starrte. Die weißen Haare standen in alle Richtungen ab. Sein Hals war faltig wie der einer Schildkröte. Er hatte das Hemd falsch zugeknöpft, und die Soßenreste vom letzten Abendessen waren deutlich zu erkennen. Der Hosenschlitz stand offen.

Vor zwei Monaten hätte sich Marc eine gefangen, wenn er so rumgelaufen wäre.

»Schon wieder sie. Warum hast du nicht den Mars drin?«

Ehe Marc reagieren konnte, löste Gustav die Achsen und schwenkte das Teleskop Richtung Mars. Marc verdrehte die Augen. Er war extra um fünf Uhr morgens aufgestanden, um eine Stunde für sich zu haben. Jetzt im September waren die Bedingungen zur Planetenbeobachtung ideal. Der Sommerdunst hatte sich verzogen, weniger Wolken verdeckten die Sicht, und während im August lediglich Saturn zu beobachten gewesen war, strahlten nun Venus, Jupiter und Mars am Morgenhimmel. Merkur würde auch noch zu ihnen stoßen. Ein außergewöhnliches Date der Planeten, das sich da abspielte und die Welt der Hobbyastronomen in helle Aufregung versetzte. In vier Wochen, am 27. September, würde ein weiteres Highlight dazukommen: eine Mondfinsternis, die den Mond jedoch aufgrund der Strahlungen in der Erdatmosphäre nicht gänzlich verdunkeln, sondern in ein rotes Licht tauchen würde. Der Supermond.

»Da. Hab ihn.«

»Schön für dich.«

Seinem Großvater entging die Ironie in seiner Stimme, während Susi Marc in den Hintern stupste. Na toll. Als Futtermaschine war er gerade gut genug. Er sah in die Augen der Hündin und musste lächeln. Ein letzter, wehmütiger Blick zur Venus, dann ging er über die mit Tau benetzte Wiese im Morgendunst zurück zum Hotel. Lange würde man sowieso nicht mehr schauen können. Die ersten Sonnenstrahlen beleuchteten bereits die brüchige Fassade.

Das riesige Gebäude wirkte mit seinen teilweise kaputten Fenstern und dem abgeblätterten Putz wie eine Ruine. Früher war es zu jeder Jahreszeit ausgebucht gewesen. Die gute Verkehrslage an der Schwarzwaldhochstraße und die Nähe zu Baden-Baden hatten es zu einem beliebten Urlaubsziel gemacht. Heute verirrten sich nur noch wenige Gäste hierher, die seinem Großvater aber wenigstens die Existenz sicherten. Die meisten glaubten, dass das Hotel leer stehen würde. Kein Wunder. Der alte Kerl weigerte sich, die notwendigen Renovierungen vorzunehmen. Laut seiner Aussage kamen die Touristen nur noch für ein oder zwei Nächte in den Schwarzwald. Und nicht wie früher für ein oder zwei Wochen. Angeblich lohnte es sich nicht, für die paar Kröten das Hotel auf Vordermann zu bringen.

Marc hegte jedoch den Verdacht, dass sein Großvater einfach keine Lust mehr auf Menschen hatte.

In dieser Hinsicht eiferte sein Enkel ihm nach. Weshalb er dem Alten bereitwillig finanziell unter die Arme griff. Das Programmieren von Apps und Software sorgte bereits für ein regelmäßiges Einkommen und finanzierte ihm sein Studium. Auch das Hacken brachte Geld ein. An der Steuer vorbei und in den meisten Fällen illegal, aber nicht so heiß, dass er Ärger mit der Polizei bekam.

Marc wollte gerade den Hintereingang des Hotels betreten, als er das Winseln hörte. Irritiert drehte er sich um. Susi war stehen geblieben und starrte am Hotel vorbei Richtung Straße. Sie scharrte nervös mit den Vorderpfoten. Marc hatte den Hund in seinem ganzen Leben noch nie winseln gehört.

Er trat zu ihr und streichelte beruhigend ihren Kopf. »Alles okay, Susi.«

Die Hündin bellte.

Marc blickte in die von Susi angezeigte Richtung, als er den Knall hörte.

 

Mistratte

 

Maike zündete sich mit ihrer perfekt manikürten Hand eine Zigarette an. »Hässliche, kleine Mistratte!«

Sie riss das Lenkrad nach rechts. Der knallgelbe Mini gab ein stöhnendes Geräusch von sich, als würde er gegen die plötzliche Aufgabe protestieren, die steile Serpentinenstraße erklimmen zu müssen. Doch Maike war, im Gegensatz zu ihrem Auto, auf 180.

Es war ihr Geburtstag. An jedem anderen Tag verdammt noch mal. Aber doch nicht an ihrem Geburtstag!

Pink dröhnte durch die viel zu kleinen Lautsprecher. You gotta get up and try and try and try … Leicht gesagt! Jürgen gehörte nicht zu der treuen Sorte. Das war Maike von Anfang an klar gewesen. Er bezeichnete es als Verschwendung, wenn er nur mit einem Mädchen zusammen war. Das Konzept der Monogamie sei nichts für ihn, hatte er ihr erklärt. Sie hatte ja auch gewusst, dass er seit einigen Wochen mit ihrer besten Freundin Tine rummachte. Aber wenn man einen Typen wie Jürgen halten wollte, dann musste man da einfach durch. Das hatte sie sich zumindest mantramäßig eingeredet, während sie Tines Lipgloss durch ihren Nagellack ersetzt hatte.

Jürgens Eltern besaßen eine der großen, ortsansässigen Fabriken, und so konnte er Maike das Leben bieten, das sie ihrer Meinung nach verdiente. Daher hatte sie sich damit abgefunden, dass ihr Jürgen nicht allein gehörte, und das Talent entwickelt, über all die Ladys hinwegzusehen, die ihren Duft, Lippenstift oder ihre Telefonnummer an ihm oder in seiner Wohnung hinterließen.

Aber die gestrige Aktion war definitiv zu viel!

Maike raste in ihrem Mini, der Einzige übrigens, der ihr seit zwei Jahren die Treue hielt, durch Bühlertal hindurch Richtung Schwarzwaldhochstraße. Die Sonne ging gerade auf.

»Mistratte!«

Während sie mit der linken Hand das Lenkrad festhielt, suchte ihre rechte in der Tasche nach dem Handy. Das war keine leichte Aufgabe, denn dies war der einzige Ort auf der Welt, an dem sie sich ein wenig Chaos erlaubte. Quittungen, Lippenstifte, Tampons … Ihre Hand wühlte sich durch das Dunkel, bis sie endlich das mit Brillanten besetzte Handy fand. Ein Geschenk ihres Vaters zum 20. Geburtstag.

Das wäre auch ein würdiges Geschenk von Jürgen an sie gewesen!

Maike drückte auf die 1; die Schnellwahltaste, die Jürgen für sich ausgesucht hatte. Weil er ihre Nummer 1 war. Ha! Sie lauschte in den Hörer hinein, während sie einen tiefen Zug von der Zigarette nahm.

»Hey, Baby. Wo steckst du? Warum das Drama? Hast du deine Tage oder was?«

»Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du wie eine kleine, fiese Mistratte aussiehst?« Sie hielt sich das Handy direkt vor den Mund, damit es keine Missverständnisse gab. Der Empfang hier oben war eine Katastrophe. »Kleine! Fiese! Mistratte!«

In diesem Moment wurde sie vom Sitz geschleudert und stieß sich den Kopf.

»Au!«

Das Handy war ihr aus der Hand geflogen und auf dem Rücksitz gelandet. Offensichtlich hatte sie die Lautsprechertaste gedrückt. Jürgens Stimme waberte durch den Zigarettenrauch zu ihr.

»Maike? Bist du noch dran? Scheiße, Mann, wir suchen dich schon die ganze Nacht! Ich hab gedacht, du bist tot oder so.«

Sie hatte Schwierigkeiten, das Lenkrad wieder in den Griff zu kriegen. Im Rückspiegel sah sie den dicken Ast, der auf der Straße lag. »Verdammte Holzfäller!«

»Maike? Hallo?«

Sie hatte das Auto wieder unter Kontrolle. Jetzt suchte sie mit der Hand die Rückbank nach dem Handy ab. Der Song im Radio fand sein Ende, und der Moderator leierte die Staus herunter.

»Also, wenn du wegen Tine so einen Aufriss machst … Sie hat sich echt Mühe gegeben mit deiner Überraschungsparty. Alles war so, wie du es bei ihr bestellt hast. Und als wir die Kerzen in deine Torte gedrückt haben, was soll ich sagen, Mann. Das war Liebe, verstehst du?«

Hatte er gerade Liebe gesagt?!

Sie war eine Stunde früher in die Kneipe gekommen, um nachzusehen, ob alles ihren Wünschen entsprechend gestaltet wurde. Bei einer Überraschungsparty konnte man nichts dem Zufall überlassen. Sie hatte mit dem Schuhschrank gerechnet, den Jürgen ihr schenken sollte. Mit Wodka und einer Eisrutsche für Tequila. Aber nicht damit, dass Jürgen und Tine sich gegenseitig mit der Sahne ihrer Torte beschmierten!

Jetzt quatschte er auch noch von Liebe! Einem Detail, das er in ihrer Beziehung stets ausgeklammert hatte.

»Hey, tut mir leid. Aber das war’s dann halt.«

Machte er gerade Schluss? So war das nicht geplant! Wenn überhaupt, dann sollte sie mit ihm Schluss machen!

Sie sah über die Schulter auf die Rückbank, um endlich das Handy zu finden. Dabei entgingen ihr die tiefbraunen Augen, die ihr entgegenblickten.

»Und nun noch eine Gefahrenmeldung: In den frühen Morgenstunden und beim Eindunkeln ist die Gefahr einer Kollision auf den Landstraßen besonders groß. Zu dieser Zeit sind viele Wildtiere unterwegs und für die Fahrzeuglenker ist die Sicht eingeschränkt. Besondere Aufmerksamkeit ist deshalb vor allem in der Morgen- und Abenddämmerung, zwischen 5 und 8 Uhr sowie zwischen 17 bis 22 Uhr, geboten.«

Das Reh verharrte regungslos. Der kleine, gelbe Wagen prallte gegen das erstarrte Tier.

Während riesige, schwarze Vögel aus den umliegenden Bäumen aufstoben, wurde das Reh hundert Meter weit die Straße hinuntergestoßen. Das Auto kam von derselben ab und donnerte gegen eine mächtige Tanne. Die Zigarette glitt Maike aus der Hand. Sie roch das Benzin, bevor ihr treuer Gefährte Feuer fing.

Sie sah an sich herunter. Sie saß angeschnallt auf dem Fahrersitz des völlig ausgebrannten Wagens.

Maike wollte schreien. Was sie hörte, war ein ersticktes Röcheln. Sie wollte atmen. Keine Luft drang in ihre Lungen. Sie löste den Sicherheitsgurt mit derrechten Hand, ehe diese vor ihren Augen zu Asche zerfiel.

Panik.

Ihre Haut war an den meisten Stellen schwarz. Wie ein Wildschwein, das am Spieß über dem Feuer vergessen worden war. Maike tastete mit der linken Hand das Gesicht ab. Ihr Körper bewegte sich, aber langsamer, als sie es gewohnt war. Die Haut fühlte sich rissig und trocken an. Als ihre Finger die Stelle berührten, an der ihre Augen sein sollten, drang ein Laut des Entsetzens aus ihrer verbrannten Kehle; anstelle der Augen ertastete Maike nur zwei tiefe Löcher.

Sie suchte am Hals nach dem Puls. Nichts.

Ihre Hand wanderte an die linke Brust. Asche rieselte an ihr herunter, während sie nach dem Herzschlag suchte. Nichts. Ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen. Sie sah ohne Augen. Bewegte sich ohne Puls.

Sie hatte diesen Unfall nicht überlebt. Sie war tot.

Aber warum war sie immer noch da?

Als sie Schritte hörte, kroch sie aus dem Auto. Sie wusste nicht, wie sie sich bewegte, da alles, was sie spürte, reiner Schmerz war. Dennoch war es ihr möglich, vorwärtszukommen. Maike robbte Richtung Straße, als eine Hundeschnauze ihr verbranntes Gesicht anstupste. Der Hund winselte. Maike wollte ihn von sich weg drücken, als sie vor sich zwei Beine sah. Sie hob den Kopf. Da stand ein junger Mann, der sie anstarrte. Er kam ihr vage bekannt vor. Sie streckte die Hand nach ihm aus, doch er wich vor ihr zurück. Seine blauen Augen musterten sie mit blankem Entsetzen.

 

Der letzte Tote

 

 

Die kleinen Rädchen quietschten leise, während der Sarg langsam in das Erdloch hinuntergelassen wurde. Lara fragte sich, warum sie nicht geölt worden waren. Seltsam, welche Kleinigkeiten einen störten. Vermutlich lenkten diese Gedanken sie von der Tatsache ab, dass ihr Vater in dem Sarg lag.

Sie erinnerte sich noch genau an den Moment, als Jo und Karin ihr von Peters Tod erzählt hatten. Man hatte seine Leiche am Spreeufer gefunden. An dem Ort, an dem auch sein Laptop gelegen hatte. Todesursache war laut Polizei Herzversagen. Doch das erklärte nicht, warum Peter tagelang verschwunden gewesen war, um dann tot am Ufer des Flusses aufzutauchen. Spuren von Fremdeinwirkung hatte es nicht gegeben. Genauso wenig wie Fußabdrücke, die seinen Weg durch das dichte Gras hätten nachweisen können. Es war, als hätte ihn jemand tot vom Himmel geworfen. Was für die Polizei Anlass genug war, ein Verbrechen nicht auszuschließen.

Die ganzen Umstände gaben den Beamten Rätsel auf, die sie durch Laras Rückkehr zu lösen hofften. Aber sie war ihnen keine große Hilfe.

Jo und Karin hatten sie erwartungsvoll angesehen. Sie hatten damit gerechnet, dass Lara emotional zusammenbrechen würde. Schließlich hatte sie die Reise in den Schwarzwald nur angetreten, um Peter zu finden. Aber sie war nicht zusammengebrochen. Sie war nicht einmal überrascht gewesen. Mein Vater kommt nicht zurück. Das hatte sie zu Timo gesagt, kurz nachdem sie im Mummelsee aufgetaucht waren. Sie empfand eine Gewissheit wie das Gefühl nach einem Traum, an den man sich nicht mehr erinnern konnte, der aber einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte.

Woher kam dieser Eindruck? Wo doch alles andere, was ihr Verschwinden betraf, nichts weiter war als ein großes Fragezeichen?

Mit einem leisen Poltern erreichte der Sarg den Grund des Bodens. Jemand stöhnte. Als Mila ihre Hand drückte, wurde Lara bewusst, dass sie es selbst war.

Ihre sechsjährige Cousine stand neben ihr und starrte auf das frisch ausgehobene Grab. Angespannt und grübelnd. Lara war erstaunt, dass der Tod ihres Vaters das Mädchen so sehr mitnahm. Mila hatte Peter nie kennengelernt. Auch Lara kannte sie erst seit einem Monat. Und von diesem Monat war sie zehn Tage verschwunden gewesen. Milas Mutter Karin hatte betont, dass ihre Tochter schon immer sehr sensibel gewesen war. Und dass sie wahrscheinlich nach einer Möglichkeit suchte, Lara aufzuheitern. Aber sie wurde den Verdacht nicht los, dass mehr hinter der ständigen Grübelei des Kindes steckte. Es wirkte auf sie ohnehin nicht wie eine typische Sechsjährige, sondern fast wie eine Erwachsene, die schon viel mehr gesehen hatte als die meisten anderen.

Sie schielte zu Milas anderer Hand, die eine weiße Lilie festhielt. Unter dem Blumenstengel linste das Auge hervor, das Mila sich immer noch auf die innere Handfläche malte. Obwohl Lara wusste, dass es gezeichnet war, wirkte es erstaunlich lebendig. Manch16

mal hatte sie den Eindruck, dass es sie mit seinem Blick verfolgte.

Als sie Mila kennengelernt hatte, hatte diese behauptet, mit dem Auge in andere Welten blicken zu können. Inzwischen betonte sie jedoch ständig, dass das alles nur Einbildung gewesen wäre. Dass sie natürlich nicht in andere Welten blicken konnte. Dass es diese anderen Welten gar nicht gab. Aber wenn Mila wirklich die Fantasiewelt eines Kindes hinter sich gelassen hatte, warum malte sie sich dann weiterhin das Auge auf die Hand?

Begüm trat an Lara heran. »Bist du in Ordnung?«

Ihr Anblick trieb Lara die Tränen in die Augen.

»Ach, Schätzchen. Blöde Frage.« Begüm drückte sie an sich und schluchzte ebenfalls. Sie hatte Peter besser gekannt als jeder andere hier auf dem Friedhof, von Jo und Karin einmal abgesehen. Dennoch wusste Lara, dass ihre Tränen nicht Peter galten. Sondern Ayse.

Begüm räusperte sich und rückte ihr Kopftuch gerade. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und mühte sich um ein Lächeln. Lara war unendlich dankbar dafür, dass Ayses Mutter hier war. In Berlin hatte sie die Rolle der Ersatzmama übernommen, da ihre eigene Mutter schon seit Langem tot und Lara aufgrund der langen Arbeitszeiten ihres Vaters viel allein gewesen war.

»Ich weiß, es klingt abgedroschen. Aber ich glaube fest daran. Dein Vater ist jetzt an einem besseren Ort. Genau wie Konrad. Und Frau Meier.«

Laras Patenonkel und die Hausverwalterin in Berlin, die Lara schon seit ihrer Kindheit gekannt hatte. Beide waren sie in den zehn Tagen ihres Verschwindens gestorben. Frau Meier war an einem Muffin erstickt. Man hatte ihre Wohnung aufgebrochen, nachdem sie für zwei Tage nicht aus ihr herausgekommen war. Anscheinend war die ganze Wohnung voll mit Müll gewesen. Die Frau, die ständig hinter Lara her gefegt hatte – ein Messie.

Konrad war vom Katzenbuckel gestürzt und hatte sich das Genick gebrochen, als er versucht hatte, Lara das Computerprogramm Styx abzunehmen. Man hatte seinen Leichnam zurück nach Berlin gebracht und ihn dort beerdigt.

Sie erinnerte sich nur zu gut daran, wie besessen Konrad von dem Programm gewesen war. Er hatte sie deswegen sogar bedroht. Das Geheimnis um Styx hatte er mit ins Grab genommen.

Sie drückte kurz Milas Hand und ließ sie dann los. Langsam trat Lara an das tiefe Loch heran, neben dem ein Erdhügel aufgetürmt war, in dem eine kleine Schaufel steckte. Den ganzen August über war es heiß und trocken gewesen. Heute, am ersten September, lag dichter Nebel über dem kleinen Friedhof. Es war ein kalter Morgen. Genau wie Lara sich fühlte. Sie warf die weiße Lilie auf den Sarg aus Pinienholz. Ihr schwindelte, wie so oft in den letzten zwei Wochen. Einen Moment lang schloss sie die Augen und wartete, bis der Schwindel vorüber war. Als sie die Augen wieder öffnete, starrte sie auf das schlichte Holzkreuz, das vor ihr neben dem Erdhügel stand.

 

Peter Feingeist

10.10.1975–12.08.2015

Nichts ist für immer

Nicht einmal der Tod

 

Lara hatte die gleiche Inschrift wie auf dem Grabstein ihrer Mutter gewählt. Ihr Onkel Jo hatte veranlasst, dass die Überreste ihrer Mutter in einer Woche von Berlin hierher überführt werden würden, damit die beiden nach ihrem Tod wieder vereint waren. Er hatte auch die ganze Beerdigung organisiert. Wäre es nach ihr gegangen, hätten sie die Feier im kleinsten Kreis abgehalten. Nur Jo, Karin, Mila und Begüm. Und Timo vielleicht. Aber Jo hatte Lara klargemacht, wie wichtig diese Beerdigung war. Der Kreislauf von Leben und Tod wurde zelebriert und würde für einen Tag so etwas wie Normalität in das Dorfleben zurückbringen.

Lara fragte sich, warum ausgerechnet ihr Vater dafür herhalten musste. Aber als sie den Blick über die Gesichter der Dorfgemeinde schweifen ließ, verstand sie, was Jo gemeint hatte.

Der Pfarrer hob segnend die Arme. »Und ich sah einen großen, weißen Thron und den, der darauf saß; vor seinem Angesicht flohen die Erde und der Himmel, und es wurde keine Stätte für sie gefunden. Und ich sah die Toten, groß und klein, stehen vor dem Thron, und Bücher wurden aufgetan. Und ein andres Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken. Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken.«

Eine Frau schluchzte. Sie sah aus, als wäre sie mindestens hundert Jahre alt. Ein kleiner Mann trat neben sie und legte den Arm um ihre schmalen Schultern. Lara wusste, dass auch diese Dame nicht um ihren Vater weinte, den sie vermutlich nur als jungen Mann gekannt hatte. Schließlich hatte Peter das Dorf mit Lara kurz nach Majas Tod verlassen. Das war jetzt 12 Jahre her.

Nein. Die alte Frau weinte nicht um Laras Vater. Sie hatte Angst. Angst vor dem, was in den letzten Wochen passiert war. Oder was eben nicht passiert war. Schließlich war dies die letzte Beerdigung, die es seit drei Wochen in diesem Dorf und der Umgebung gegeben hatte. Denn seit dem Tag, an dem Lara und Timo aus dem Mummelsee aufgetaucht waren, war niemand mehr gestorben.

Pro Sekunde starben im Schnitt zwei Menschen. Das waren 120 Menschen pro Minute, 7.200 Menschen pro Stunde und 172.800 Menschen am Tag. Lara hatte es nachgerechnet. Nach zwei Wochen sprangen auf der Erde also plötzlich 2.419.200 Menschen mehr herum, als es statistisch der Fall sein durfte.

Das lag allerdings nicht daran, dass die Menschen plötzlich nicht mehr krank oder alt wurden, keine Unfälle hatten oder sich gegenseitig umbrachten. Die menschlichen Körper gaben weiterhin den Geist auf. Aber anstatt tot umzufallen, blieb der Funken des Lebens, die Seele, das Ich, oder wie auch immer man es nennen wollte, am Körper haften. Die Personen konnten weiterhin sprechen und handeln, auch wenn kein Herzschlag mehr zu verzeichnen war. Sie liefen als lebende Tote umher. Verzweifelt und verwirrt über ihren Zustand. Und voller Schmerzen.

Erst gestern war eine solche Gestalt bei Jo in der Apotheke aufgetaucht. Friedhelm Lichtlein aus dem Pflegeheim im Ort. Eine ältere Frau hatte ihn begleitet und mehr Morphium verlangt. Sie war ziemlich forsch gewesen. Denn das Pflegeheim hielt sich an die vorgeschriebene Dosis, die Herrn Lichtlein aber schon seit Tagen nicht mehr gegen seine Schmerzen helfen konnte.

Lara hatte nicht aufhören können, den Mann anzustarren. Die Haut grau, Arme und Beine hatten gezittert. Obwohl die Dame ihn offensichtlich parfümiert hatte, hing der Geruch der Verwesung an ihm.

Lara hatte gehört, dass die meisten Verstorbenen einfach weitermachten. Sie gingen ihrem Tagesgeschäft nach und versuchten zu ignorieren, was mit ihnen geschah. Manchen sah man den Tod nicht einmal an. Andere lagen unter unermesslichen Schmerzen in ihren Betten und flehten mit stummen Blicken, dass ihr Leben endlich ein Ende fand. Aber das tat es nicht. Und keiner verstand, warum.

Angesichts dieser Tatsache waren die Menschen völlig überfordert. Dieser Zustand war gegen alle Logik. Gegen alles, was man kannte. Die Grundprinzipien von Leben und Tod waren auf den Kopf gestellt. Und es gab keine Erklärung dafür.

Laut den Nachrichten hatten Wissenschaftler und Ärzte längst begonnen, das Phänomen zu untersuchen. Offizielle Stellungnahmen blieben jedoch aus. Offenbar fand niemand die passenden Worte für diese Angelegenheit. Die Menschen mutierten nicht wie in zahlreichen Hollywoodfilmen zu grotesken Zombies.

Der Verstand blieb, der Herzschlag nicht. In den großen Städten machte sich die zunehmende Anzahl an lebenden Toten natürlich viel deutlicher bemerkbar als hier, in diesem 2.500-Seelen-Dorf.

Begüm telefonierte jeden Tag mit ihren Söhnen und ihrem Mann, die in Berlin geblieben waren. Sie hatten erzählt, dass immer mehr Verstorbene verwirrt durch die Straßen liefen. Auf der Flucht vor dem Leben. Sie begriffen einfach nicht, was mit ihnen geschah.

Das Phänomen ging um die ganze Welt. Es machte keine Ausnahme vor Kultur, Alter oder Reichtum. Jeder kannte irgendwen, der eigentlich unter die Erde gehörte und immer noch mit klarem Verstand herumlief. Die Welt hatte ein globales Problem. Nie zuvor hatten die Nationen so regen Kontakt gehabt wie im Moment. Alle anderen Probleme oder Streitigkeiten traten in den Hintergrund.

Aber in keinem anderen Land brachte die neu errungene Unsterblichkeit so viel Chaos mit sich wie in Israel. Lara hatte die Berichte im Fernsehen verfolgt. Die Anhänger der drei großen Religionen sahen die Ereignisse als die Ankündigung der bevorstehenden Rückkehr des Messias und versammelten sich um den Tempelberg, um den jeweiligen Erlöser willkommen zu heißen. Die Stimmung war aufgeheizt, und die Tatsache, dass keiner der Erlöser sich blicken ließ, machte es nicht besser. Manche Juden warfen den Muslimen vor, ihre Moschee sei schuld daran, dass ihr Messias den Weg zum Tempelberg nicht fände. Manche Muslime wiederum warfen den Juden vor, die Rückkehr Jesu zu verhindern, der nicht als Sohn Gottes, wie die Christen glaubten, sondern als Imam der Muslime zurückkehren würde. Dazwischen versuchten die Christen, sich einen Weg zu bahnen. Sie alle waren verunsichert.

Denn während sie stritten und zankten, blieb der Tod aus.

Lara konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, welche Ironie das Ganze barg. Ihr Leben lang hatte sie Angst vor dem Tod gehabt. Die Menschheit hatte alles unternommen, um das Leben so lange wie möglich zu verlängern. Den Tod auszutricksen. Doch jetzt, da er ausblieb, herrschte Chaos. Angst verbreitete sich. Wie sollte es weitergehen, wenn niemand mehr starb?

Deshalb hatte Jo der Gemeinde mit dieser Beerdigung die Möglichkeit geben wollen, für einen Tag wieder so etwas wie Normalität zu empfinden.

Laras Blick wanderte zurück zum Sarg ihres Vaters, auf den der Pfarrer nun etwas Erde warf. Warum, fragte sie sich. Warum war ihr Vater der Letzte im Ort gewesen, der gestorben war? Warum hatte er nicht der Erste sein können, der nicht mehr starb? Hätte er nur vier Tage länger gelebt …

Jo und Karin gingen Hand in Hand zu dem Erdhügel. Beide sahen zu Lara, ehe sie mit der kleinen Schaufel etwas Erde aufnahmen und ins Loch fallen ließen. Jo hatte tiefe Ringe unter den Augen, die seine große Nase noch mehr betonten. Auch Karin sah mitgenommen aus. Um ihre braunen Augen, die sonst immer vor Lebensfreude leuchteten, hatten sich tiefe Schatten gebildet.

Lara wusste, dass Karin sich Vorwürfe machte. Sie hatte mit Cem gesprochen. Und geahnt, dass er noch eine Kopie des Programms besaß. Aber sie hatte nichts unternommen. In der Hoffnung, dass Cem von selbst zu ihr kommen würde. Dafür war es jetzt zu spät.

Laras Gedanken überschlugen sich. Es waren nicht nur der Tod ihres Vaters oder der Umstand, dass seit ihrer eigenen Rückkehr von wo auch immer niemand mehr gestorben war, die sie in der Nacht wach hielten. Es war auch nicht allein Ayses und Cems Verschwinden. Oder der Fakt, dass Lara und Timo absolut keine Erinnerung daran besaßen, wo sie selbst zehn Tage lang gewesen waren. Was Lara am meisten beschäftigte, war das dumpfe Gefühl, dass all diese Ereignisse zusammenhingen.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie sah auf und blickte in Begüms freundliches Gesicht. Die ehrwürdige Dame, wie ihr Name bedeutete. Selten hatte ein Name so gut zu einer Person gepasst, fand Lara.

»Du musst die Erde werfen.«

Erst jetzt wurde sie sich bewusst, dass sie alle anstarrten. Sie nahm ebenfalls die kleine Schaufel und stieß sie in die dunkle Erde.

Nie wieder. Sie würde ihn nie wiedersehen.

Ein erneuter Schwindel setzte ein, als die Erde auf den Sarg niederprasselte.

Rumms! Eine weitere Schaufel Erde landete auf dem hellen Pinienholz. Der Sarg war mittlerweile fast komplett überdeckt von Erde und Lilien. Die alte Frau, die bei der Predigt geweint hatte, griff nach Laras Hand und drückte sie fest. Sie spürte die Schwielen an ihrer Haut, während sie in die trüben Augen starrte.

»Du bist jetzt eine von uns.« Die Frau ließ sie los und humpelte gebückt weiter zu Jo und Karin, die neben ihr standen.

Jo hielt Mila an den Schultern fest. Entweder, um sie zu trösten, oder um selbst Halt zu finden. Lara sah der Frau hinterher. Sie wusste, was sie ihr damit sagen wollte; dass sie nicht allein war.

Aber sie kannte den Zusammenhalt eines Dorflebens nicht. Es war ihr sogar zuwider, dass so viele Menschen an ihrem Unglück teilhatten. Während sie die zahlreichen Hände schüttelte und etliche Beileidsbekundungen entgegennahm – von Menschen, die sie in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen hatte, in einem Dialekt, den sie teilweise nicht einmal verstand –, verspürte sie eine Einsamkeit, die alles übertraf, was sie bis dahin gekannt hatte. Sie sah den an einem steilen Hang gelegenen Friedhof entlang. Die Masse an Menschen wollte kein Ende nehmen. Es würde noch mindestens eine Stunde dauern, bis sie hier fertig waren. Und dann ging die Trauerfeier in Jos und Karins Haus neben der kleinen Waldapotheke weiter.

Allein der Gedanke daran machte sie nervös. Bisher war da immer nur Ayse gewesen. Sie hatte gereicht. Völlig. Mit ihr zusammen hätte Lara diesen Tag überstanden. Doch die Abwesenheit ihrer Freundin machte alles nur noch schlimmer.

Während sie schon überlegte, wie sie am elegantesten aus der Nummer herauskam, ohne Jo und Karin vor den Kopf zu stoßen, wurde sie auf einen Mann aufmerksam. Er war noch gut zehn Personen von ihr entfernt und trat gerade einen Schritt näher, während eine Frau mittleren Alters Laras Hand ergriff.

»Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Peter und ich. Und deine Mutter, die habe ich auch gekannt.«

Lara lächelte höflich, während sie erneut zu dem Mann blickte. Groß und hager, sein Kopf war wie ein Ei geformt und stieß regelrecht aus der Menschenmasse heraus. Er war bestimmt zwei Meter groß, hatte einen kahlen Schädel und dunkle Augen, die Lara anstarrten. Irgendetwas an diesem Mann war seltsam, auch wenn sie nicht sagen konnte, was es war. Auffällig war auf jeden Fall, dass Mila nervös von einem Bein auf das andere trat, während sie ebenfalls zu ihm blickte.

»Wer ist das?«, raunte Lara ihrer Cousine zu.

Mila schnaubte, anstatt eine Antwort zu geben. Was war los mit ihr? Mittlerweile waren es nur noch zwei Personen, die den riesigen, hageren Mann von Lara trennten. Während sie weiter die Mitleidsbekundungen der ihr unbekannten Leute annahm, sah sie im Augenwinkel, dass der Mann etwas aus seiner Tasche zog. Ein gefaltetes Stück Papier.

Vor Schreck blieb ihr schier das Herz stehen, als Mila plötzlich neben ihr aufschrie: »Nein!«

Alle Blicke richteten sich auf das kleine Mädchen, dessen Kopf rot anlief. Sie bebte vor Wut. Während Karin sich zu ihrer Tochter hinunterbeugte, beobachtete Lara den Mann, der sie unverwandt anstarrte. Er hob das gefaltete Papier in ihre Richtung, als Lara ein vertrautes Geräusch hörte.

Sie sah zum Haupteingang des Friedhofs, der mit einem verschnörkelten Gittertor verschlossen war. Sie konnte gerade noch die Umrisse eines Jungen im Nebel erkennen, der von einer Vespa stieg und sich den Helm vom Kopf zog. Mit einer einzigen Bewegung ver26

wuschelte er seine Haare, ehe sein Blick den Friedhof absuchte und an ihr hängenblieb.

Sie spürte, wie ihr die Knie weich wurden. Da stand er. Timo. Und lächelte sie an. Mit einem Schlag wurde es Lara wärmer. Sie atmete tief ein, als würde sie heute das erste Mal richtig Luft bekommen. Wenn Timo ihr den Rest des Tages beistand, würde sie es schaffen.

Doch er öffnete den Sitz der Vespa und zog einen zweiten Helm hervor. Ihr Herz schlug schneller. Er war nicht hier, um der Beerdigung beizuwohnen. Er war hier, um sie abzuholen. Also hatte er eine Spur.

Sie warf einen Blick auf den mit Blumen und Erde übersäten Sarg. In Gedanken gab sie ihrem Vater einen Kuss und entschuldigte sich. Dann wandte sie sich an Jo und Karin. »Sorry. Ich muss los.«

»Was? Aber Lara …«

Sie hatte keine Zeit für Erklärungen. Eilig lief sie über den Friedhof, öffnete das Tor und drehte sich einer Ahnung folgend noch einmal um. Sie sah zu der Stelle, an der der riesige Mann zuletzt gestanden hatte. Er war verschwunden.

 

 

 

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Im Kreis der Sieben - WELTEN (Teil 2)

Christin Burger

Kapitel: Venus | Mistratte | Der letzte Tote